1 Der Aufbruch

HP1b

“Tammy! Tommy! Wo steckt ihr denn?”
Laut und sonor tönte die raue Stimme der Hundemutter bis in den allerletzten Winkel des weitläufigen Gartens. Mühelos durchdrang sie auch das üppige Blattwerk des alten Holunderstrauchs mit dem knorrigen Stamm, hinter dem das Lieblingsversteck der beiden Hundekinder verborgen lag: eine kleine Mulde im Boden, weich gepolstert mit dunkelgrünem Moos, und gerade groß genug, um den beiden ein bequemes und behagliches Kuschelnest zu bieten. Noch kurz zuvor hatten sie ausgelassen miteinander Fangen gespielt und sich übermütig bis zur völligen Erschöpfung über den Rasen gehetzt. Nun lagen sie eng aneinandergekuschelt im weichen Moos, total erledigt und ausgepumpt, aber zufrieden mit sich und im Einklang mit der Welt, während der alte Strauch seine dicht belaubten Zweige wie einen Baldachin schützend über sie breitete.

Tammy und Tommy stammten aus dem selben Wurf, waren also nicht nur Geschwister, sondern sogar Zwillinge, und dementsprechend ähnlich sahen sie sich auch, dennoch war zwischen ihnen kaum eine Verwechslung möglich. Tommy glich in der Statur seinem Vater Barry, einem riesenhaften Bernhardiner und auch das Fell in den Farben Gelb, Weiß und Braun hatte er von ihm geerbt. Bereits jetzt war er schon deutlich größer und wuchtiger als seine Schwester, vor allem aber fielen seine großen Pranken auf, die fast schon so ausladend waren wie die seines Vaters. Seine Mutter Senta, eine stattliche Berner Sennenhündin, und somit auch nicht gerade als schmächtig zu bezeichnen, wurde nicht müde zu betonen, dass sie noch niemals bei einem so jungen Hund solch unglaublich große Pfoten gesehen habe, und ihr mütterlicher Stolz dabei war unüberhörbar. Seine Schwester Tammy hingegen bezeichnete sie wenig respektvoll schlicht als “Plattfüße” – sehr zu Tommys Verdruss.

Tammy wiederum war zwar etwas kleiner, dafür in den Hüften und am Hinterteil ein wenig runder und ihr schwarz-weiß-braunes Fell glich dem ihrer Mutter aufs Haar. Während sie eine vergleichsweise schlanke, freche Stupsschnauze besaß, die zur Spitze hin leicht nach oben wies, begannen sich bei Tommy schon die mächtigen Lefzen seines Vaters anzudeuten.
Und dann waren sie auch noch sehr gut anhand ihrer Halsbänder auseinander zu halten: Tommy trug nämlich ein einfaches, breites Band aus echtem Leder, ungefärbt und ohne jegliche Verzierung, weil nur so etwas zu einem echten Mann passe, wie er fand. Das von Tammy hingegen war kunstvoll aus Textilfasern geflochten und mit bunten gestickten Blümchen verziert. Als Grundfarbe hatte sie pink-rosé gewählt, weil das ihrer Ansicht nach am besten mit der Farbe ihres Felles harmonierte. Als ihr Bruder sie zum ersten Mal mit diesem Band erblickte, riss er zuerst entsetzt die Augen auf, sah dann völlig fassungslos und ungläubig noch einmal genauer hin und gab schließlich demonstrativ Geräusche von sich, als müsse er sich gleich übergeben. Spätestens diese Reaktion bestätigte Tammy endgültig in der felsenfesten Überzeugung, genau das richtige Halsband ausgewählt zu haben.

“Tammy! Tommy! Hört ihr denn nicht? Kommt doch bitte mal zu mir!”

Tommy hob den Kopf und spitzte seine Schlappohren.
“Was kann Mama von uns wollen? Wir haben doch erst vor einer Stunde gegessen und Schlafenszeit ist auch noch lange nicht.”
“Keine Ahnung” erwiderte Tammy, “aber wir sollten jetzt besser zu ihr gehen, sie klingt ganz ungeduldig.”
Tommy rückte ein wenig von ihr weg und sprang auf die Beine.
“Du hast ihr doch hoffentlich nichts davon erzählt, dass ich gestern die Hühner des Nachbarn gejagt habe? Wehe!”
“Ich hab kein Sterbenswörtchen gesagt! Aber warum machst du auch solche Sachen? Du weißt doch, dass sie es streng verboten hat.”
“Warum ich das mache?” erboste er sich. “Weil ich ein Rüde bin, ein echter Mann! Ich muss ja schließlich das Jagen lernen und trainieren, damit ich irgendwann einmal meine Familie ernähren kann!”
“Ach komm, Brüderchen, die Zeiten sind ja wohl schon längst vorbei, dass ein Hund jagen muss, um an sein Fressen zu kommen, heutzutage sind ganz andere Qualitäten gefragt.”
“Ach, was verstehst du denn davon!” kläffte er mit sich überschlagender Stimme, denn er befand sich gerade mitten im Stimmbruch. “Ein Weib hat doch von so etwas überhaupt keine Ahnung. Stell dir doch einfach nur mal vor, ein Ernstfall tritt ein, dann wärst du bestimmt auch froh, wenn ein Mann in der Nähe ist, der Nahrung für dich und deine Kinder beschaffen kann!”
Tammy grinste: “Also wenn ich dich so ansehe, Brüderchen, dann habe ich stark den Eindruck, dass der Ernstfall schon längst eingetreten ist. Ich würde sogar sagen, dass es sich bei dir nicht nur um einen ernsten, sondern sogar um einen völlig hoffnungslosen Fall handelt.”
“Du….!”
“Tammy! Tommy! Kommt augenblicklich zu mir! Oder muss ich euch erst holen kommen?” Wieder die Stimme ihrer Mutter, diesmal allerdings noch lauter und um einiges ungehaltener.
Tommy, der gerade zu einer heftigen Erwiderung angesetzt hatte, hielt inne und seufzte. “Komm, wir gehen lieber zu ihr, bevor sie sich wieder aufregt, dann kann sie nämlich ziemlich unangenehm werden.”
“Wem sagst du das”, seufzte nun auch seine Schwester und sprang ebenfalls auf die Beine.
“Und wehe, wenn du gepetzt hast” drohte Tommy erneut, “dann gibt es Saures!”
“Ich hab nichts gesagt, du Nervtöter! Für dein schlechtes Gewissen kann ich doch nichts!”

Tommy grummelte erbost vor sich hin, während er gemeinsam mit Tammy in Richtung der Terrassentür trottete, aus der die Stimme ihrer Mutter erklungen war. Seine Schwester voraus, er ein wenig zögernd hinterher.

Eigentlich hießen die beiden ja Tamina und Tommaso, aber so nannte sie kein Mensch und auch kein Hund, höchstens ihre Mutter, wenn sie ein ernstes Wörtchen mit ihnen zu reden hatte. Mit vollständigem Namen hießen sie sogar Tamina und Tommaso vom Schlehenhag, aber das interessierte erst recht keinen, das stand halt in ihrem Stammbaum und hatte ansonsten im Alltag keinerlei Bedeutung.

“Ah, da seid Ihr ja endlich!” Senta hatte sie schon erwartet und stand in der Tür. Das lange, seidig glänzende Fell der prachtvollen Berner Sennenhündin ließ ihre Gestalt noch voller und kräftiger erscheinen. Sie war noch sehr jung, Tammy und Tommy waren ihre ersten Kinder und Barry scherzte gelegentlich, dass ihr mit den beiden auf Anhieb ein hervorragender Wurf gelungen sei. Allerdings nur dann, wenn sie gerade nichts angestellt hatten und er gut auf sie zu sprechen war, was zumindest in Tommys Fall eher selten vorkam.

“Ich habe eine gute Nachricht für euch, Kinder! Wir machen jetzt gleich alle zusammen einen kleinen Ausflug in den Stadtpark.”

“In den Stadtpark? Prima! Da waren wir ja noch nie!” jubelte Tommy und man konnte förmlich hören, wie ihm ein zentnerschwerer Stein vom Herzen plumpste. Seine Mama hatte von seiner Hühnerjagd also noch nichts mitbekommen und er hoffte natürlich, dass es auch dabei blieb.

“Wir gehen in den Park! Super!” freute sich auch Tammy. “Kommt Papa auch mit?”
“Das nehme ich doch stark an,” entgegnete die Hundemama, “zumindest hat er es versprochen.”
“Was soll ich versprochen haben?” ertönte eine tiefe Stimme aus dem Hintergrund. Barry, der Hundevater, tappte auf bärengroßen Pranken heran. Knapp zwei Zentner schwer, entsprechend stattlich die Figur, voluminös und gewaltig der Kopf und die langen weißen Haare am Hals und auf der Brust erweckten fast den Eindruck einer Löwenmähne.

“Dass du mit uns in den Park kommst” erklärte Tammy. “Also, was ist, kommst du mit?”
“Was? Jetzt?” blaffte der Vater, “Ausgeschlossen. Ein anderes Mal vielleicht. Momentan bin ich unabkömmlich.”
“‘Unabkömmlich’”, spottete Senta, “dass ich nicht lache. Aber klar, es war ja zu erwarten, dass euer sauberer Herr Papa sich wieder mal vor seinen Pflichten als Familienvater drücken will.”
“Ach, Paps, komm doch mit!” bettelte Tammy. “Mama sagt, du hast es versprochen!”
“Mag ja sein, dass ich versprochen habe, irgendwann einmal mitzukommen, aber ich habe mit Sicherheit nicht gesagt, dass das heute ist. Und heute passt es leider nicht.”

“Dir passt es doch nie, wenn du einmal etwas gemeinsam mit uns allen unternehmen sollst”, beklagte sich Senta. “Dann müsste der gnädige Herr ja auch mal Verantwortung übernehmen, sich kümmern, auf seine Kinder aufpassen. Aber nein, er ist ja ‘unabkömmlich’! Ha, dass ich nicht lache! Aber das ist wieder einmal sooo typisch, was rege ich mich da eigentlich auf, ist doch alles wie gehabt. Ich frage mich nur, warum ich mich überhaupt auf dich eingelassen habe, wenn ich bedenke, was für Partien ich sonst noch hätte machen können. Immerhin hat sich sogar mal ein Tassilo vom Falkenhorst für mich interessiert und er stand sogar schon kurz davor, um meine Pfote anzuhalten. Aber ich habe ihn sausen lassen, weil ich da schon mit eurem Papa zusammen war. Ach ja…” Sie seufzte.
Tommy rümpfte die Nase: “Aber dieser Tassilo ist doch ein Windhund, Mama, was willst du denn mit dem?”
“Und ein total eingebildeter Schnösel obendrein!” ergänzte Tammy.
“Darf ich vielleicht auch mal wieder etwas sagen?” meldete sich jetzt Barry zu Wort. “Eeeeerstens drücke ich mich keineswegs, sondern ich erfülle nur meine Pflicht als Wächter und Hüter dieses Hauses. Unser Herrchen ist ja momentan nicht da, wie ihr wisst, und wir können das Haus ja schließlich nicht ganz unbewacht lassen…”
“Das stimmt zwar, aber gib zu, dass dir das sehr gelegen kommt!” bellte Senta dazwischen, Barry aber ging gar nicht darauf ein. “Und zweitens, liebste Gemahlin, falls du glaubst, nicht auf männliche Begleitung verzichten zu können, dann frag doch einfach deinen Tassilo, ob er nicht mit euch gehen will, das macht er bestimmt gerne.”

“Er ist nicht ‘mein’ Tassilo!” protestierte Senta. “Leider. Einen vom Falkenhorst hätte ich haben können und bei wem bin ich gelandet? Bei Bartholomäus vom Rübenacker…”
“Vom Schlehenhag, meine Teuerste, vom Schlehenhag” korrigierte Barry sie in aller Seelenruhe. “Bitte verunglimpfe doch nicht meinen zwar rustikalen, aber nichtsdestotrotz ehrenwerten Namen.”
“Ach was, Schlehenhag, Rübenacker, wo ist denn da der Unterschied?!” erregte sich Senta.
“Nun, wie dem auch sei” setzte Barry unbeeindruckt fort. “Wenn ihr in die Stadt gehen und euch im Park amüsieren wollt, nur zu. Lasst euch nicht aufhalten. Ich werde jedenfalls hier bleiben, getreulich meine Pflicht erfüllen und das Haus bewachen, wie es meine Aufgabe ist.”
Sprach’ s, drehte sich um und trottete gemächlich und hoch erhobenen Hauptes in Richtung Garten davon.

“‘Pflicht erfüllen’” wiederholte Senta erbost. “Einfach nur lächerlich. Der faule Kerl legt sich ins Gras, lässt sich die Sonne auf den Bauch scheinen und nennt das dann ‘Haus bewachen’. Aber was soll’s. Kommt Kinder, macht euch bereit, wir werden auch ohne ihn unseren Spaß haben. Eigentlich bin ich ja ganz froh, wenn ich ihn mal für eine Weile nicht sehen muss. Auf in den Park!”
“Juhu, es geht los!” jubelten Tammy und Tommy, und dann brachen sie auch schon auf.

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Kapitel 2

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