8 Der Krapfen

 

Tommy wachte auf, weil er ein Furcht erregendes Knurren gehört hatte. Erschreckt fuhr er hoch, doch gleich beruhigte er sich wieder, als er entdeckte, dass die beängstigenden Geräusche aus seinem eigenen Magen stammten. Offensichtlich war er leer und nun protestierte er mit dem Knurren lauthals dagegen. Tommy verdrängte das Hungergefühl vorerst und blickte sich um. Sofort kam ihm alles wieder in den Sinn: Nach dem Kampf mit Tessa und Ronny hatte er sich mit Tammy und seiner Mutter bei den Büschen hingelegt, um sich ein wenig auszuruhen, und dabei mussten sie alle eingeschlafen sein. Er schüttelte sich, um die Reste der Müdigkeit zu vertreiben. Sein rechtes Ohr, an dem Tessa so brutal gezerrt hatte, tat noch ziemlich weh, aber ansonsten hatte er den Kampf ohne weitere Blessuren überstanden. Sein Körper schmerzte zwar noch an einigen Stellen, besonders natürlich an jenen, an denen Tessa ihre Zähne in sein Fell gegraben hatte, aber das war nichts, was einen echten Mann schrecken konnte. Und als solcher fühlte er sich gerade nach diesem Kampf ganz besonders.
Er beschloss, da er nun schon mal wach war, die Umgebung ein wenig zu erkunden und sich auch auf die Suche nach etwas Fressbarem zu machen. Also erhob er sich vorsichtig, um seine Mutter und seine Schwester nicht zu wecken und spazierte dann los, immer der Nase nach.

Auf diese Weise kam er zu einem Platz vor einem Cafe ganz in der Nähe, an dem Menschen mitten im Park an Tischen unter großen Schirmen saßen, die zum Schutz gegen die starke Sonne aufgespannt waren. Verlockende Gerüche stiegen ihm in die Nase, nach Kaffee und Kuchen, und erinnerten ihn daran, dass er selbst schon seit ewig langer Zeit nichts mehr gegessen hatte – zumindest kam es ihm so vor. Seine Schwester hatte ja immerhin einige Bissen von der Wurst des Jungen abbekommen, er dagegen überhaupt nichts. Also wäre es nur gerecht, dachte er, wenn jetzt auch für mich etwas abfiele. Er legte sich erst einmal nahe dem Cafe ins Gras und schaute den Menschen noch etwas scheu aus einiger Entfernung dabei zu, wie sie mit sichtlichem Appetit Kuchen aßen und köstlich anzusehende Eisbecher mit Früchten und Schlagsahne löffelten. Mmmmm. Das Wasser lief ihm nur so im Maul zusammen, alleine schon vom Zusehen, von den Düften ganz zu schweigen.

In dem Moment kam ein großer, wohlbeleibter Mann herangeschlendert, der fast keine Haare mehr auf dem Kopf hatte. Er trug einen hellen Anzug und dazu eine Krawatte und sein Sakko spannte sich dermaßen über den runden und prallen Bauch, dass Tommy richtiggehend ins Grübeln kam, ob nicht bei den Menschen eventuell auch die Männchen schwanger werden könnten. Doch dann fiel ihm ein, dass Barry, sein Vater, ja auch nicht der Allerschlankste war und so verwarf er diesen Gedanken wieder.
Inzwischen hatte sich der neue Gast an einen leeren Tisch gesetzt. Tommy sah von seinem Platz aus seine Glatze im Sonnenlicht glänzen. Es dauerte nicht lange, dann war auch schon der Kellner zur Stelle und fragte ihn nach seinen Wünschen. “Ein Kännchen Kaffee, bitte, und etwas zum Essen, was Süßes, ich brauch unbedingt etwas in den Magen. Was können Sie mir denn da empfehlen?”
“Natürlich einen Krapfen, werter Herr, das ist die Spezialität unseres Hauses. So was Leckeres haben Sie noch nie gegessen, das können Sie mir glauben. Süß, locker, leicht, gehaltvoll…”
“Hört sich gut an. Also bringen Sie mir bitte einen. Ah ja, noch eine Frage: Wo sind denn hier bitte die Toiletten?”
Der Ober wies mit der Hand ins Innere des Cafes: “Durch die Eingangstür geradeaus, dann am Ende des Ganges links die erste Tür.” Dann entfernte er sich, um das Bestellte zu holen. Der Mann stand auf, zog sich noch das Sakko aus und hängte es über die Lehne seines Stuhles, lockerte seine Krawatte etwas und ging dann in Richtung Toilette davon.

Kurz darauf erschien der Kellner mit einem Tablett und stellte zunächst das gewünschte Kännchen Kaffee samt Tasse auf den Tisch vor den Stuhl mit dem Sakko, dann noch einen Teller mit einem großen appetitlichen Krapfen, der dekorativ mit weißem Puderzucker bestäubt war. Tommys Interesse war natürlich sofort geweckt: “Seltsam, wieso legt der Mann den Krapfen auf einen leeren Platz, obwohl der andere schon längst wieder gegangen ist? Naja, vielleicht kommt der Mann ohne Haare auf dem Kopf ja wieder? Ich werde mal eine Weile warten und die Sache beobachten.”

Nach etwa zehn Sekunden war ihm das Warten allerdings schon wieder zu lang und er beschloss, sich das Ganze aus der Nähe anzusehen. Gemächlich und betont unauffällig, aber dennoch sehr zielstrebig spazierte er in Richtung des verlockenden Krapfens. Dort umkreiste er den Tisch zuerst einmal, dann noch einmal, und sprang dann kurz entschlossen auf den Stuhl. Die umsitzenden Gäste bemerkten das natürlich, und einige schmunzelten oder kicherten verhalten, aber niemand sagte etwas. Tommy fühlte sich dadurch so ermutigt, dass er es wagte, am Krapfen zu schnuppern. “Oh, lecker. Und keiner schimpft mich, also tue ich anscheinend nichts Unerlaubtes. Und überhaupt, wenn ich ihn nicht nehme, dann wird er womöglich schlecht oder er vertrocknet, das wäre doch wirklich schade.”

Und schwupp, schon hatte er den Krapfen vorsichtig mit seinem Maul gepackt, war wieder vom Stuhl gesprungen und lief nun zurück zur Stelle im Gras, an der er vorher gelegen hatte. Er überlegte kurz, sofort wieder zu seiner Mama und Tammy zurückzukehren, ließ es dann aber sein, denn dann hätte er den Krapfen womöglich mit seiner Schwester teilen müssen und dieses Risiko wollte er nun wirklich nicht eingehen.

Voller Vorfreude nahm er nun in aller Ruhe die Beute zwischen seine Vorderpfoten und beschnüffelte sie ausgiebig. Dabei kam ihm zu Bewusstsein, dass sein Hunger doch nicht so groß war, wie er nach dem Aufwachen geglaubt hatte, was auch kein Wunder war, denn die letzte Mahlzeit lag noch keine zwei Stunden zurück. Und das war auch gut so, denn dieser feine Leckerbissen musste genüsslich ausgekostet und nicht gierig hinuntergeschlungen werden.

Inzwischen war auch der Mann mit der Glatze wieder zurückgekommen und wunderte sich zunächst über das Kichern und Grinsen der anderen Gäste, zuckte dann aber nur mit den Schultern und setzte sich wieder an seinen Platz. Als er den leeren Teller sah, stutzte er zuerst, schaute sich etwas unsicher und suchend um, und rief dann den Kellner. Der kam auch gleich angeeilt und erkundigte sich, was sein Gast denn auf dem Herzen habe.

“Was ich auf dem Herzen habe?” schnaubte der und zeigte auf den leeren Teller. “Ist es in ihrem Lokal üblich, hungrigen Gästen leere Teller zu servieren?”
“Aber mein Herr, ich habe Ihnen – wie bestellt – einen Krapfen gebracht. Ich verstehe das nicht.”
“Wenn Sie ihn schon gebracht haben, dann müsste er doch auch hier sein, oder? Das ist simpelste Logik. Aber sehen Sie selbst, der Teller ist leer. Oder halt!” Er hatte ein winziges Krümelchen erspäht, das als trauriger Rest zurückgeblieben war. Vorsichtig pickte er dieses Krümelchen nun mit Daumen und Zeigefinger auf und streckte es dann dem Kellner zur Begutachtung entgegen: “Oder wollen Sie vielleicht sagen, dass dies hier Ihr berühmter Krapfen ist?”
“Mein Herr, Sie beleidigen uns! Unsere Krapfen sind die größten der ganzen Stadt, ach, was sage ich, des ganzen Landes. Es sind wahre Riesenkrapfen!”
“Wenn sie so riesig sind, dann sollten sie ja wohl auch nicht zu übersehen sein, oder? Also, wo ist er? Der Krapfen! Der riesige!”
“Hm…” überlegte der Kellner “Ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten, aber vielleicht haben Sie ihn schon gegessen…?
“Mein lieber Herr!” sagte der Gast mit gefährlich ruhiger Stimme und eine leichte Röte begann sein Gesicht zu überziehen. “Kommen Sie doch mal näher!” Der Kellner kam ein wenig näher, zögerte dann aber.
“Noch näher!” befahl der Mann mit der Glatze und deutete dabei auf seinen wohlgerundeten Bauch. Als der andere immer noch zögerte, zog er ihn am Arm ein wenig zu sich heran.
“Und jetzt horchen Sie! Hören Sie dieses Grollen, das klingt wie zehn wütende Löwen im Käfig? Hören Sie das?”
“Hm, ja.” bestätigte der Kellner und nickte.

“Wissen Sie was das ist? Das ist mein Magen. Er knurrt! Und jetzt frage ich Sie…” Bei diesen Worten schaute er den Kellner durchdringend an und bohrte ihm den gestreckten Zeigefinger in die Brust: “Würde mein Magen knurren, wenn ich einen Ihrer riiieeesigen Krapfen gegessen hätte?”
“Nein, dann ganz sicher nicht.” meinte der Gefragte. “Dann wären Sie jetzt satt. Pappsatt und zufrieden, mit einem Lächeln der Wonne auf den Lippen.”
“Na also! Und jetzt bitte, bringen Sie mir einen Ihrer berühmten Krapfen, damit ich endlich was zwischen die Zähne und in den Magen bekomme, meine Geduld ist nämlich bald erschöpft.”
“Aber ich habe Ihnen doch schon einen Krapfen gebracht.” beharrte der Kellner.
“Dann zeigen Sie mir, wo er ist. Aber bitte plötzlich!”

Tommy im Gras war so in seinen Genuss vertieft, dass er von all dem Streit überhaupt nichts mitbekam. Gerade machte er sich daran, mit der Zungenspitze langsam und genüsslich den Puderzucker abzulecken- Stäubchen für Stäubchen.

“Nun…”, der Kellner war schwer am Überlegen, man konnte seinen Verstand hinter der gerunzelten Stirne förmlich arbeiten sehen. “Haben Sie schon unter dem Tisch nachgeschaut? Es weht heute zeitweilig ja ein leichter Wind und…”
“Ach, und Sie glauben, der hat ihren Riesenkrapfen vom Tisch geweht? Besonders handfest kann der dann aber nicht sein, wenn ihn schon so ein leichtes Lüftchen durch die Gegend blasen kann.”
“Im Gegenteil, mein Herr, ich sagte ja schon, dass unsere Krapfen sehr gehaltvoll sind. Locker und luftig gerührt, ja, das schon, der Teig zergeht förmlich auf der Zunge, aber der Riesenklecks Aprikosenmarmelade als Füllung sorgt dann für die nötige Substanz. Und das Ganze kommt dann in ein heißes Bad aus bestem Kokosfett und wird schön knusprig herausgebacken, das schmeckt nicht nur gut, das sättigt auch.”
“Mag ja sein, dass es sättigt, aber dazu muss man den Krapfen ja wohl erst einmal essen, oder? Aber gut, sehen wir unter dem Tisch nach, vielleicht ist er ja wirklich runtergekugelt.”
Er hob die Tischdecke hoch und beugte sich unter den Tisch. Keuchend und mit hochrotem Kopf tauchte er dann nach einer Weile wieder auf. “Nichts!”
“Nichts?” fragte der Kellner erstaunt.
“Nein. Nichts. Nada. Niente. Sind Sie etwa schwerhörig?” Er rang die Hände: “Und jetzt bringen Sie mir bitte, bitte den bestellten Krapfen, ich komme um vor Hunger!”

Tommy hatte mittlerweile den größten Teil des süßen, weißen Puderzuckers abgeleckt und fing nun ganz vorsichtig damit an, die knusprig gebackene Haut des Krapfens ganz sachte, nur mit den Schneidezähnen, anzuknabbern. Er hatte vor, seinen Genuss möglichst lange hinauszuzögern und sich die süße Füllung ganz bis zum Schluss aufzusparen.

“Mein Herr!” setzte jetzt der Kellner wiederum an, nun auch zunehmend ungehalten. “Ich sagte doch bereits, dass ich ihnen den Krapfen schon gebracht habe. Irgendwo muss er ja sein, wenn sie ihn wirklich noch nicht gegessen haben.”
“Ich habe Ihren verdammten Krapfen nicht gegessen!” brüllte der Wütende, bemerkte dann aber, dass die übrigen Gäste lebhaften Anteil an seiner Auseinandersetzung mit dem Kellner nahmen. Resignierend winkte er ab und ließ sich dann kraftlos in seinen Stuhl zurücksinken.

Der Kellner verschränkte die Arme vor der Brust und tippte sich mit dem Zeigefinger ans Kinn. “Überlegen wir doch mal ganz logisch, wo der verschwundene Krapfen abgeblieben sein könnte. Ich gehe jetzt mal davon aus, dass ihn von den anderen Gästen auch keiner genommen hat. Unsere Gäste tun so etwas nicht.” Er schaute sich suchend um und folgte dann dem Blick eines Mannes am Nebentisch, der offensichtlich Mühe hatte, sich das Lachen zu verbeißen. “Da! Der Hund dort im Gras! Der hat ihn!”
“Also da soll doch!” brüllte der Glatzköpfige und schlug mit der flachen Hand so fest auf den Tisch, dass das Kaffeekännchen umfiel und sein Inhalt sich über die fliederfarbene Tischdecke ergoss. Ohne das Malheur zu beachten, sprang er auf und brüllte: “Gibst du mir wohl sofort meinen Krapfen zurück, du verdammter Köter! Auf der Stelle!”

Tommy, der kleine Feinschmecker, wurde dadurch unsanft aus seiner intensiven Beschäftigung mit dem Krapfen aufgeschreckt. “Was will der denn von mir? Der will doch wohl nicht meinen Krapfen haben? Kommt ja überhaupt nicht in Frage! Den kriegt er nicht! Da hätte er schon früher kommen müssen!” Er sprang ebenfalls auf und packte seine Beute mit dem Maul, während er den wütenden Mann genau im Auge behielt.

Der kannte in seinem Ärger jetzt keine Zurückhaltung mehr und schnappte sich ohne zu fragen einen Regenschirm, den ein anderer Gast vermutlich aus Angst vor einem Wolkenbruch mitgebracht und an einen Stuhl gelehnt hatte. Drohend schwenkte er ihn und brüllte: “Her mit dem Krapfen, oder ich zieh dir ein paar mit dem Schirm über!”

Tommy wurde es nun doch ein wenig anders, vor allem als er sah, wie der Wütende direkt auf ihn losstürmen wollte, allerdings nur einen Schritt weit kam, denn der Kellner hielt ihn am Arm zurück: “Moment. Sie müssen erst zahlen, bevor sie gehen!”
“Zahlen? Doch wohl nicht den Krapfen, den dieser räuberische Bastard geklaut hat? Kommt ja gar nicht in die Tüte! Solange dieser Hundesohn meinen Krapfen nicht rausrückt, sehen Sie von mir keinen Cent, dass das klar ist!”

Da ließ der Kellner den Arm des Gastes los und brüllte Tommy an: “Gibst du dem Herrn wohl sofort seinen Krapfen zurück, du hundsgemeiner Räuber!” Und dann stürzten beide gleichzeitig auf den erschreckten Kleinen los, der nun nicht mehr länger zögerte, sondern alle seine vier Beine in die Hand nahm und sich schnurstracks mitsamt seiner Beute im Maul aus dem Staub machte. Die beiden Verfolger immer hinterdrein, der eine drohend den Schirm schwenkend, der andere die geballte rechte Faust gen Himmel gereckt.

Tommy hatte zunächst gehofft, die beiden Verfolger abschütteln zu können, doch da er Angst hatte, den Krapfen zu verlieren, konnte er natürlich nicht so schnell rennen, wie er gerne gewollt hätte, und so blieben die beiden ihm dicht auf den Fersen. Allmählich wurde ihm immer mulmiger zumute. Doch da sah er auch schon seine Mutter und seine Schwester an dem Platz liegen, an dem er sie verlassen hatte und auch die beiden sahen ihn kommen. Sie waren inzwischen auch aufgewacht und hatten sich schon Sorgen um ihn gemacht. Nichts Gutes ahnend, setzte sich Senta auf und Tommy flüchtete sich ohne Zögern zwischen ihre Vorderbeine, sich tief niederduckend, aber immer noch den Krapfen im Maul.

Da kamen auch schon die beiden Verfolger angekeucht und hielten erst inne, als sie Tommys Mutter erblickten. Diese merkte sofort, dass die beiden es auf ihren Sprössling abgesehen hatten. Sie knurrte drohend und ließ dabei ihre weißen und vor allem scharfen Zähne aufblitzen.
“Was wollen diese Männer von dir?” fragte sie dann ihren Sohn.

“Dieses Bürschlein hat meinen Krapfen geklaut!” antwortete der Glatzköpfige an Tommys Stelle und zeigte dabei mit dem Schirm auf ihn, wobei er allerdings in sicherem Abstand blieb.
“Stimmt das, Tommy?” fragte Senta streng.
“Gnaiaaamm!” Er hatte immer noch den Krapfen im Maul, was der Verständlichkeit logischerweise nicht zuträglich war.
“Sprich deutlich, wenn du mit mir redest!” ermahnte sie ihn.
Wohl oder übel musste Tommy den Krapfen nun loslassen und so kullerte dieser lustig über den Boden vor Sentas Pfoten: “Gar nicht wahr, Mama! Ich habe ihn auf einem leeren Tisch gefunden und nur vor dem Vertrocknen gerettet!”
Wieder meldete sich der Glatzköpfige: “Ich war nur mal kurz auf der Toilette, und als ich zurückkam, war der Krapfen weg!”
Senta stöhnte laut auf: “Oh nein! Ich fass es nicht! Mein Sohn ist unter die Diebe und Räuber gegangen! Diese Schande! Die Leute müssen ja denken, dass du bei uns zu Hause nicht genug zu essen bekommst…”
“Aber Mama…”
“Nichts ‘Aber, Mama’! Sofort bringst du dem Herrn seinen Krapfen zurück!”
“Oooch…”
“Sofort! Und keine Widerrede!” Dabei bewegte sie sich etwas zurück und stieß ihren Sohn mit der Schnauze vorwärts. Der schnappte sich nun etwas lustlos den Krapfen, trabte dann langsam auf den Mann mit dem Schirm zu und legte ihm das süße, runde Gebäck vor die Füße. Dann wich er einige Schritte zurück, sah zu ihm auf und wedelte mit dem Schwanz, so als wollte er sagen: “Na, bist du jetzt zufrieden?”

Der Mann hob nach etwas Zögern den Krapfen auf und beäugte ihn äußerst kritisch. Dann verzog er das Gesicht: “Bäh! Igitt! Der ist ja schon angeknabbert, und besabbert wahrscheinlich auch. Pfui Teufel! Nein danke. Hier!” Er warf ihn Tommy vor die Pfoten. “Den kannst du selber fressen, ich will ihn nicht mehr, ich schenk ihn dir.”
Dann drehte er sich zum Kellner um. “Aber Sie hatten Recht, groß sind sie wirklich, Ihre Krapfen. Wenn auch nicht riesig, aber doch schön groß und rund. Kommen Sie, gehen wir zurück, und dann bringen Sie mir einen neuen und ich bezahle beide, auch wenn es zum Teil Ihre Schuld ist, schließlich haben Sie ja den ersten in meiner Abwesenheit serviert.”
Der Angesprochene überlegte kurz und antwortete dann: “Stimmt, Sie haben Recht, mein Herr. Deshalb geht der erste Krapfen auch auf Kosten des Hauses, ebenso wie der verschüttete Kaffee.”
“Na, das ist doch ein Wort. Ich glaube, bei Ihnen könnte ich Stammgast werden. Aber jetzt schnell, bevor ich wirklich noch vor Hunger umfalle. Und den Schirm muss ich ja auch zurückbringen.” Und schon eilten beide in Richtung Cafe davon.

Kaum dass die beiden ihm den Rücken gekehrt hatten, stürzte Tommy sich auf den Krapfen und schloss seine spitzigen Zähne um ihn, so als wollte er sagen: “So, jetzt entkommst du mir nicht mehr!” Dann sah er sich um und überlegte, wo er seine Beute endlich in Ruhe verzehren konnte: Ja, genau. Er würde…

“Moment mal, mein Sohn!” weckte ihn die gestrenge Stimme seiner Mutter unsanft aus seinen kulinarischen Träumen. “Was hast du denn mit dem Krapfen vor?”
“Naeaamjam”
“Ich habe dir eben schon gesagt, du sollst gefälligst deutlich reden, wenn du mit mir sprichst. Also nimm sofort den Krapfen aus dem Maul!” Nur sehr widerwillig ließ Tommy das süße Stück abermals fallen.
“Aber Mama! Du hast doch gehört, dass der Mann mir den Krapfen geschenkt hat, also darf ich ihn auch essen!”
“Das ist ja wohl nicht Dein Ernst!” empörte sich Senta. “Erst einen Krapfen stehlen und ihn dann auch noch alleine essen wollen! Du siehst nämlich nicht so aus, als ob du ihn mit deiner Schwester teilen wolltest.”
“Aber ich habe den Krapfen doch nicht gestohlen, sondern ihn auf einem leeren Tisch gefunden. Und Tammy hat doch vorhin erst ein Stück Wurst bekommen und ich nichts. Da dachte ich, dass es nur gerecht ist, wenn…”
“Das kleine Stückchen Wurst!” empörte sich jetzt Tammy. “Das zählt doch wirklich nicht. Außerdem war sie zu scharf gewürzt, mich juckt es jetzt noch in der Nase! Und im Rachen brennt es auch noch!”
“Und das geschieht dir auch ganz recht!” wies ihre Mutter sie zurecht. “Wie oft haben euer Vater und ich euch schon gepredigt, dass ihr von Fremden kein Essen annehmen dürft. Es könnte vergiftet sein, solche Verbrecher gibt es nämlich, die sich einen Spaß daraus machen, unschuldige Hunde zu vergiften.”
“Aber Mama!” widersprach Tammy, “Der Junge hat doch von der Wurst selbst gegessen, da wird sie ja wohl kaum vergiftet sein, oder?”
“Genau!” stimmte Tommy zu. “Und der Krapfen war ja schließlich für einen Gast bestimmt. Die Leute im Cafe werden ja wohl kaum ihre eigenen Gäste vergiften.”
“So, mein Sohn, jetzt hast du dich aber verraten. Du hast also genau gewusst, dass der Krapfen nicht für dich gedacht war und hast ihn trotzdem genommen. Das ist Diebstahl, mein Junge, da kannst du sagen was du willst. Eigentlich sollte ich dir dafür die Ohren langziehen. Ich frage mich wirklich, was ich mit dir und dem Krapfen machen soll. Wenn ich ihn dir zu essen gebe, wäre das pädagogisch äußerst ungeschickt, denn ich würde deinen Ungehorsam damit ja noch belohnen. Ihn wegzuwerfen wäre aber auch nicht richtig, und sonst will das angeknabberte Teil bestimmt keiner haben. Höchstens die Tauben, und von denen gibt es eh schon genug. Außerdem ist es verboten, sie zu füttern. Und ich selbst mag das süße Zeug nicht, da ist mir jeder saftige Knochen lieber.”
“Ich würde ihn schon essen, Mama, auch ganz alleine.” kam es nun von Tammy. “Ich bin nämlich ganz furchtbar hungrig. So wäre Tommy bestraft und wir müssten den Krapfen nicht wegwerfen.” Sie tat dabei, als würde sie den bösen Blick, den ihr Bruder ihr zuwarf, überhaupt nicht bemerken.
“Oh, vielen Dank für dein aufopferungsvolles Angebot, liebe Tammy”, spöttelte ihre Mutter, “aber das geht auch nicht, denn du weißt doch, dass du nicht so viel Süßes essen sollst. Schließlich bist du selbst es doch, die sich ständig Sorgen um ihre schlanke Linie macht.”
“Aber Mama…”, wollte Tammy protestieren, doch Senta schnitt ihr das Wort ab: “Nein, ich weiß wie wir es machen: Ihr beide dürft ausnahmsweise jeder einen halben Krapfen essen, aber nur unter der Bedingung, dass ihr mir hoch und heilig versprecht, nie wieder von einem Fremden Futter anzunehmen.”
“Großes Hundeehrenwort!” riefen die Zwillinge wie aus einem Mund und freuten sich dabei wie die Schneekönige. “Danke, Mama, du bist die Beste!”
“Ich weiß” bellte Senta lachend. “Und jetzt kommt, wir suchen uns ein schönes Plätzchen im Schatten unter den Bäumen, wo ihr euren Krapfen essen könnt. Und dann geht es sofort ab nach Hause, mein Bedarf an Aufregungen ist für heute gedeckt.”

Kapitel 7                                                                                                 Kapitel 9

 

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