6 Die verführerische Schleife

HP6a

Die Drei suchten sich eine ruhige Stelle am Bach, etwas abseits der Menschen, und sprangen dann voller Vorfreude ins kühle Nass. Es war nicht besonders tief, so kam Schwimmen für Senta nicht in Frage, die Hundekinder dagegen konnten an einigen Stellen den ganzen Körper eintauchen und ein wenig herumpaddeln.
Nach kurzer Zeit hatte Senta schon wieder genug: “Puh, mir reicht’ s. Das Wasser ist doch kühler als ich gedacht hatte. Kommt, wir gehen wieder raus!”
“Nein, Mama, noch nicht!” protestierten die beiden. “Wir wollen noch ein wenig im Wasser bleiben! Bitte!”
“Also gut. Dann bleibt ihr noch ein wenig, und ich lege mich bei den Bäumen dort drüben in den Schatten und warte auf euch. Aber nicht mehr zu lange, ja? Sonst holt ihr euch noch eine Erkältung.”
“Nein, nein, Mama, wir kommen bald!” versprach Tammy und paddelte dann weiter mit ihrem Bruder lustig um die Wette. Dann entdeckten die beiden, dass es noch viel schöner war, wenn sie sich nicht selbst abstrampeln mussten, und so ließen sie sich von der Strömung den Bach abwärts treiben. Ehe sie sich’s versahen, waren sie einige Hundert Meter von der Stelle entfernt, an der ihre Mutter auf sie wartete.
“Wir müssen zurück, Tommy!” mahnte Tammy, doch ihr Bruder hatte zunächst noch keine Lust zur Umkehr. Schließlich sah aber auch er ein, dass es besser war, Senta nicht allzu lange warten zu lassen. Als sie dann an eine Stelle kamen, an der der Bach breiter und flacher wurde, nutzen sie die Gelegenheit, wieder an Land zu gehen.
“Schöner Mist!” beklagte sich Tommy. “Den Bach abwärts ging’s leicht, aber zurück werden wir wohl mühsam marschieren müssen.”
“Ach was, Bruderherz. Die paar Meter wirst du ja wohl gerade noch schaffen, du, als echter Mann!”
“Natürlich schaffe ich es!” schimpfte er, “Das ist ja wohl nicht die Frage. Ich habe nur darauf hingewiesen, dass es mühsamer ist. Und das wirst du ja wohl nicht abstreiten wollen, oder?”
“Nein, natürlich nicht. Komm jetzt, lass uns gehen, aber ganz langsam und gemächlich, nicht dass wir uns zu sehr anstrengen müssen, denn dann wäre die ganze Abkühlung ja umsonst gewesen.”
Tammys Bemerkung war spöttisch gemeint, doch Tommy bekam davon gar nichts mit, denn er war gerade damit beschäftigt, sich das Wasser aus dem klatschnassen Fell zu schütteln. Dabei übersah er einen Mann, der einige Meter entfernt im Gras lag und sich sonnte, und verschaffte ihm so unabsichtlich eine kalte Dusche. Es war nicht zu überhören, dass der Geduschte darüber alles andere als erfreut war:
“Dummer Köter! Muss das sein? Hau ab hier, und schüttle dich woanders! Unmöglich! Zumutung so was!”

Als er Anstalten machte, eine noch halb mit Wasser gefüllte Plastikflasche in Richtung Tommy zu schleudern, zogen die beiden Zwillinge es vor, schleunigst das Weite zu suchen.

“So ein Blödmann!” schimpfte Tommy, als sie sich in sicherer Entfernung befanden. “Regt sich auf, anstatt mir dankbar zu sein, dass ich ihm auch ein wenig Erfrischung verschaffe!”
“Tja, die kam halt ein wenig zu plötzlich und unerwartet.” meinte Tammy und verzog die Lippen zu einem spöttischen Grinsen. “Du darfst nicht vergessen, dass Menschen kein natürliches Fell haben und ihre Haut viel empfindlicher ist.”
“Na und, dafür kann ich doch nichts, oder? Ein Blödmann ist er trotzdem, basta!”
“Wenn du meinst, Bruderherz.” Tammy seufzte. Es gab Momente, da war es einfach sinnlos, sich mit diesem Sturkopf von Bruder auf eine Diskussion einzulassen, und das war jetzt genau so einer.
Sie sah sich um und schüttelte sich dann auch aus. “Siehst du, so macht man das: Erst schauen und dann schütteln.”
Doch Tommy reagierte gar nicht, sondern zeigte ihr nur die kalte und immer noch leicht feuchte Schulter.

Plötzlich blieb er stehen und richtete seinen Blick auf eine junge Frau mit kurzen, blonden Haaren, die einige Meter vor ihm auf einer Decke lag und sich sonnte. Sie lag auf dem Bauch, hatte das Gesicht auf ihre Unterarme gebettet und schien zu schlafen. Sie war fast gänzlich unbekleidet und trug nur einen knappen, knallroten Bikini, der nicht viel von ihrer Haut verdeckte, die dafür umso dicker mit Sonnencreme eingeschmiert war, dass sie in der Sonne nur so glänzte. Das aber war es nicht, was Tommys Aufmerksamkeit erregt hatte, ihn faszinierte etwas ganz anderes: Sein ganzes Interesse galt der Schleife, mit der das Bikini-Oberteil auf dem Rücken zusammengebunden war. Sofort erwachte der Spieltrieb in ihm und ihm wurde ganz kribblig zumute. Er musste sich mit aller Macht zusammenreißen, um sich nicht sofort auf die verlockende Schleife zu stürzen.

“Die Schleife reizt dich, Brüderchen, oder etwa nicht?” neckte Tammy ihn.
“Halb so wild, ich kann mich beherrschen.”
“Klar, noch. Aber es fällt dir zunehmend schwer, das sehe ich dir doch an. Du möchtest gerne dein Lieblingsspiel spielen, gib es zu!”

Tommys Lieblingsspiel – oder vielmehr eines seiner Lieblingsspiele – bestand nämlich darin, sich mit wildem Knurren auf die Schuhe seines Herrchens zu stürzen, die Schuhbänder mit den Zähnen zu packen und so lange daran zu zerren, bis sie aufgegangen waren.

“Das bildest du dir bloß ein. ‘Lieblingsspiel’! Pah! Ich habe das ja schon ewig nicht mehr gespielt!”
“Klar, unser Herrchen trägt ja schließlich fast nur noch Sandalen und Schuhe mit Klettverschlüssen, weil er von deinen Schnürsenkelattacken mittlerweile endgültig die Schnauze voll hat.”
“Blödsinn! Menschen haben ja gar keine Schnauze!”
“Du weißt genau, wie ich es meine, Brüderchen.”
“Außerdem übertreibst Du maßlos! Manchmal hat er auch mitgespielt und sich nur zum Schein gewehrt und geschimpft. Und hinterher hat er mich ganz lieb getätschelt und gestreichelt.”
“Dann probier’ s doch bei der Frau aus, vielleicht streichelt die dich dann auch?”
“Meinst du? Hm. Aber ich kenne sie ja gar nicht. Außerdem sind da einige Männer in ihrer Nähe. Das sind bestimmt ihre Beschützer.”
Tommy wies mit der Schnauze auf einige junge Männer, die nur wenige Meter entfernt auf der Wiese saßen und sich leise unterhielten.

“Beschützer? Wie kommst du denn darauf?”
“Weil es die natürliche Aufgabe von uns Männern ist, schwache Frauen zu beschützen.”
“So schwach sieht sie aber gar nicht aus.”
“Frauen sind schwach. Das ist einfach so, das weiß jeder, ob dir das nun passt oder nicht.”
Tammy ächzte und rollte dabei mit den Augen: “Auweia, die alte Leier schon wieder. Soll ich dir was sagen? Weißt du, was ich glaube? Diese Kerle, die du für ihre Beschützer hältst, sind in Wahrheit nichts anderes als verhinderte Verehrer dieser Frau, die sich an sie ranmachen wollen.”
“Wieso ‘verhindert’”?
“Weil sie feige sind. Es sind ja schließlich Männer. Es gibt nichts Feigeres als euch Männerpack! Große Klappe und nichts dahinter!”
“Jetzt hör aber auf! Du redest ja schon wie Mama!”
“Wo sie Recht hat, hat sie Recht! Männer sind ein feiges Pack!”
“Willst du mich provozieren? Echte Männer kennen keine Angst! Ich muss das wissen, ich bin ja schließlich selbst einer!”
“Bitte, dann beweise es!”
“Und wie?”
“Ganz einfach. Spiel mit ihr dein Schleifenspiel, das reizt dich nämlich gewaltig. Du kannst es ruhig zugeben.”
“Ach was, halb so wild.”
“Feigling!”
“Was interessiert dich denn das eigentlich? Was hast du denn davon?”
Tammy grinste. “Nun, sagen wir mal so: ich würde schon gerne sehen, was dann passiert…”
“Typisch. Weiber sind die Neugier in Person.”
“Auch nicht mehr als die Männer. Nur dass wir dazu stehen, und das ist der eigentliche Unterschied.”
“Quatsch mit Soße!”
“Oder hast du vielleicht Angst, dass du es gar nicht schaffst?”
“Wieso denn das, bitte?”
“Na, normalerweise knurrst du dabei doch immer ganz laut, das geht hier nicht, da verschreckst du sie nur und kommst nicht nahe genug ran. In dem Fall musst du dich erst mal leise anschleichen. Das schafft nicht jeder!”
“Hä? Du weißt wohl nicht, wen du vor dir hast? Einen Rüden, einen echten Mann. Den geborenen Jäger! Anschleichen ist eine Kleinigkeit für mich, das habe ich im Blut!”
“Also, dann los! Mach es, wenn du es kannst!”
“Natürlich könnte ich es – theoretisch. Ich wüsste nur nicht, warum ich das tun sollte.”
“Nun zum Beispiel, weil du damit deinem schwachen Schwesterchen eine kleine Freude machen könntest.”
“Das reicht nicht.”
“Außerdem hättest du dann bei mir etwas gut.”
“Hm.” brummte er. “Soll das bedeuten, dass ich dann sicher sein könnte, dass du Mama nichts von meiner Hühnerjagd verrätst?”
“Das kannst du doch jetzt auch schon sein, im Prinzip.”
“Aber wenn ich dir den Gefallen tue, dann könnte ich völlig sicher sein, oder wie?”
“Richtig. Dann könntest du völlig sicher sein, hundertprozentig.”
“Das ist Erpressung, liebste Schwester. Menschengemeine Erpressung!”
“Du übertreibst, Brüderchen. Habe ich etwas von dir verlangt, habe ich dich bedroht? Nein, ich habe dich nur ganz lieb um etwas gebeten..”
“Verstehe” knurrte er grimmig. “Aber bitte, du sollst deinen Willen haben. Jetzt werde ich dir mal einen echten Mann in Aktion zeigen. Pass auf!”

Er atmete tief durch und drehte sich dann nach der blonden Frau um, die nach wie vor unverändert auf der Decke lag. Ihr Rücken hob und senkte sich in langsamen, ruhigen Atemzügen. Ganz langsam und vorsichtig pirschte Tommy sich immer näher an sie heran, vorsichtig darauf bedacht, nur ja kein verräterisches Geräusch zu verursachen.

Die jungen Männer beobachteten ihn zwar, unternahmen aber nichts. Einer von ihnen grinste, so als ahnte er, was Tommy im Schilde führte. Der war jetzt so nah an der Frau, dass seine Schnauze nur noch wenige Zentimeter von ihrer Haut entfernt war.

“Achtung! Der Hund!” konnte der Blondschopf noch rufen, da
ging es auch schon los: Mit einem Furcht erregenden Knurren packte Tommy ein Schleifen-Ende mit den Zähnen, zerrte wie wild daran und schüttelte dabei den Kopf hin und her, als wolle er einer gefährlichen Schlange das Genick brechen.

Erschrocken richtete die Frau den Oberkörper halb auf und drehte sich um. Dabei kam ihre von der Sonne aufgeheizte Haut mit Tommys feuchter, kalter Schnauze in Berührung. Dies versetzte ihr erst recht einen Schock und wie von der Tarantel gestochen sprang sie auf die Beine. Es machte ratsch und sie stand oben ohne da – ihr Bikini-Oberteil war zwischen Tommys Zähnen zurückgeblieben, so fest hatte er das Band gepackt. Doch die Frau reagierte schnell: Mit einem Arm bedeckte sie ihre Brüste, mit dem anderen riss sie die Decke empor, auf der sie gelegen hatte, und im Nu hatte sie sich darin eingehüllt. Sie machte einen leicht zerzausten Eindruck – verständlicherweise, sie war ja sehr plötzlich aus dem Schlummer aufgeschreckt worden – und ihr Gesicht überzog sich mit einer leichten Röte.

Der junge Mann, der den Warnruf ausgestoßen hatte, war aufgesprungen und herbeigeeilt. Groß und breit stand er in blauen Jeans und einem kurzärmligen rotkarierten Hemd vor Tommy und beugte sich zu ihm hinunter. Seine weißen Zähne blitzten im gebräunten Gesicht, als er ihn lächelnd aufforderte: “Na komm, gib schon her, du Tunichtgut. Das Frauchen braucht das da dringender als du. Das verstehst du doch, oder?”
Klar verstand Tommy das, er war ja schließlich nicht blöd, und so überließ er dem Mann das Oberteil sofort, als der danach griff. Ja, er war sogar froh, es endlich los zu sein. Schon längst bereute er, sich auf diesen Streich eingelassen zu haben.

Der Mann drehte sich jetzt zu der Frau um und reichte ihr mit einer eleganten, nur leicht angedeuteten Verbeugung, das entrissene Kleidungsstück. Seine klaren blauen Augen blitzten schalkhaft:
Hat der Kleine sie erschreckt? Ich bin sicher, dass er nur spielen wollte.”
“Ja, das stimmt wohl, aber trotzdem habe ich einen ganz schönen Schreck bekommen. Na so was. So ein Schlingel! Damit hätte ich jetzt wirklich nicht gerechnet, normalerweise sind es ja vorwitzige Männer, die sich an der Schleife zu schaffen machen. Puh, was ich da schon erlebt habe…”

Wieder ließ der Mann seine Zähne aufblitzen. “Da scheinen sie bisher ja keine so guten Erfahrungen mit meinen Geschlechtsgenossen gemacht zu haben. Kann ich vielleicht etwas tun, um diese schiefe Bild bei Ihnen ein wenig zurechtzurücken?”
Sie lächelte: “Einen Anfang haben Sie ja schon gemacht. Aber…”

Mehr bekamen Tammy und Tommy von dem Gespräch nicht mehr mit, denn die beiden zogen es vor, sich möglichst schnell und unauffällig aus dem Staub zu machen. Zuerst rannten sie so schnell es ging, bald aber verfielen sie wieder in ein gemächlicheres Tempo.

“Respekt, Bruderherz!” lobte Tammy. “Du hast es wirklich geschafft. Alle Achtung!”
“Na ja, im Grunde war es ganz einfach. Trotzdem wäre es mir lieber, ich hätte das Ganze bleiben lassen. Eine Heldentat war das irgendwie nicht gerade.”
“Stimmt!” lachte Tammy. “Aber oft ist man eben erst hinterher schlauer.”
“Und noch eins, Tammy. Ich kann mich doch darauf verlassen, dass Mama nichts davon erfährt, was soeben vorgefallen ist?”
Tammy grinste: “Vorgefallen? Ist irgendetwas vorgefallen?”
Da grinste auch Tommy: “Nicht dass ich wüsste, Schwesterchen.”
Dann trabten die beiden Seite an Seite zu ihrer Mutter zurück, die schon ungeduldig auf sie gewartet hatte.

“Wo habt ihr denn so lange gesteckt? Hatten wir nicht vereinbart, dass ihr bald wieder zurückkommt?”
“Aber Mama!” protestierte Tammy, “wir sind doch da!”
“Das sehe ich, dass ihr da seid. Aber was habt ihr so lange getrieben?”
“Na, uns abgekühlt, Mama.”
Und habt ihr beim Ausschütteln auch aufgepasst, dass ihr niemanden nass spritzt?”
“Aber Mama, du behandelst uns wie kleine Welpen!”
“Und wieso seid ihr so außer Atem? Was habt ihr sonst noch angestellt?”
“Was sollen wir denn angestellt haben?” fragte Tammy mit entrüstetem Unterton in der Stimme. “Wir haben ganz einfach gebadet und uns dann ein wenig zum Trocknen hingelegt. Du selbst sagst doch immer, dass wir mit nassem Fell nicht laufen sollen, weil sonst eine Erkältung droht. Und danach sind wir dann umso schneller zurückgelaufen, damit du nicht zu lange warten musst. War das etwa nicht richtig?”
“Doch Tammy, das war völlig richtig. Entschuldigt bitte, dass ich euch in falschem Verdacht hatte, aber meine Nerven sind heute nicht mehr die besten. Eigentlich sollte ich…”

Plötzlich hielt sie inne und begann leise zu knurren:
“Verdammt, das hat mir gerade noch gefehlt!”
“Wieso, Mama? Was ist denn los?” Tammy konnte sich auf das Verhalten ihrer Mutter keinen Reim machen.

Kapitel 5                                                                                                                    Kapitel 7

 

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