4 Die verlockende Wurst

HP4a

Tammy hatte zwar noch Tommys Auseinandersetzung mit der Katze gespannt verfolgt, als Senta ihm dann aber ins Gewissen redete, war ihr schnell langweilig geworden, das kannte sie nämlich schon zur Genüge. Außerdem hatte sie entsetzlichen Durst, ihre Kehle war schon richtiggehend ausgetrocknet. Und da es aller Erfahrung nach eine Weile dauern konnte, bis sich Mutter und Sohn endlich einig werden würden, beschloss sie kurzerhand, sich auf eigene Faust nach etwas Trinkbarem umzusehen.
Und siehe da, sie hatte Glück. Gar nicht weit entfernt entdeckte sie ein Gebilde, das aussah, als sei es geradewegs den Wunschträumen eines durstigen Hundes entsprungen: mehrere riesige Trinknäpfe waren da direkt vor ihren Augen aufeinandergestapelt und in allen sprudelte schäumend köstlich kühles und klares Wasser. Bei näherer Betrachtung stellte sich dann heraus, dass es sich nicht um das Trinkgeschirr von geheimnisvollen Riesenhunden handelte, sondern um einen künstlerisch von Menschenhand gestalteten Brunnen: Mehrere gewaltige Steinschalen aus grauem Granit waren übereinander aufgetürmt, die größte und breiteste ganz unten, nach oben zu wurden sie immer kleiner. Und in der Mitte der kleinsten Schale ganz oben thronte ein runder, dicker Fisch aus Bronze, hoch aufgerichtet, so als befände er sich gerade mitten im Sprung. Seine großen Schuppen glänzten in der Sonne wie frisch poliert und sein breites Maul war weit aufgerissen.
Und genau aus diesem weit geöffnetem Maul sprudelte laut plätschernd ein glitzernder Wasserstrahl in die oberste Schale. Von dort floss das Wasser dann in die nächste Schale darunter und so weiter, bis es in der untersten angekommen war, die einen Abfluss besaß. Und das Schöne für Tammy dabei bestand darin, dass diese letzte Schale so niedrig lag, dass sie das trinkbare Nass bequem erreichen konnte. Sie wusste nicht, ob das Zufall war, oder ob der Brunnenbauer schon bei der Planung vorsorglich an durstige Tiere gedacht hatte, es war ihr auch im Grunde egal, Hauptsache sie konnte jetzt endlich ihre Zunge mit kühlem, frischem Wasser benetzen.
„Ah, das tut gut!“ Gierig schlabberte sie drauflos. „Ich muss diesen Brunnen gleich Mama und Tommy zeigen, die sind bestimmt auch durstig.“
Als sie den gröbsten Durst gestillt hatte, kam ihr zu Bewusstsein, dass sie auch hungrig war.
„Was zu essen wäre jetzt auch nicht schlecht, aber woher nehmen?“
Seit der letzten Mahlzeit war es zwar noch nicht allzu lange her, und Tommy hätte sich bestimmt wieder über ihren Appetit lustig gemacht, aber sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass sie sich ja schließlich noch mitten im Wachstum befand. Unwillkürlich fing sie an zu schnuppern, denn ihr wehten plötzlich äußerst interessante Düfte um die Nase, die ihren Appetit schlagartig noch weiter anregten. Sie hob den Kopf, um die Quelle des Wohlgeruchs zu orten. Der Duft wurde stärker und nun entdeckte sie auch, woher er stammte: Zwei junge Menschen kamen auf den Brunnen zugeschlendert: ein etwa 14-jähriges Mädchen, barfuss und in einem gelben Kleid, und ein Junge, der einige Jahre jünger war. Die beiden waren offensichtlich Geschwister. Tammy interessierte sich in erster Linie für den Jungen, denn er war es, der die lange Semmel in der Hand hielt, zwischen deren geteilten Hälften der Ursprung des verlockenden Duftes steckte: eine große heiße Bratwurst. Tammy lief augenblicklich das Wasser im Maul zusammen und alle ihre Begierden konzentrierten sich auf dieses Objekt ihrer Fresslust. Sie konnte es einfach nicht mehr aus den Augen lassen.
Das Geschwisterpaar steuerte einen der gelblich-grauen Steinquader an, die, rund um den Brunnen verteilt, müde Spaziergänger zum Hinsetzen und Ausruhen einluden. Das Mädchen deutete auf den größten von ihnen: „Hier werden wir uns hinsetzen, Benny, und auf Mama warten. Und du kannst in aller Ruhe deine Bosna essen, es wird sicherlich noch eine Weile dauern, bis sie alle Einkäufe erledigt hat.“
„Bestimmt, Tina.“ antwortete der Junge. „Bis die ihr Zeug zusammen hat, Mannomann, das dauert ja immer eine halbe Ewigkeit. Zum Glück hat sie uns gehen lassen, in diesen Kaufhäusern ist es immer so verdammt stickig.“
„Stimmt, Verkäuferin in so einem Laden möchte ich wahrlich keine sein. Da bin ich schon lieber an der frischen Luft und plansche ein wenig im Brunnen.“
Sie trat nahe an die unterste Schale und hielt zunächst ganz vorsichtig die Zehen ihres rechten Fußes ins Wasser.
„Das tut gut! Schön kühl.“
Kurz entschlossen stieg sie dann ganz hinein und watete ein wenig darin hin und her.
„Herrlich! Komm doch auch herein, Benny! Das kühlt wunderbar.“
„Nein, ich muss erst meine Bosna essen, sonst wird sie noch kalt.“
„Eine Bosna bei der Hitze, ich kapier es nicht. Also mir wäre ein kühles Eis momentan wesentlich lieber.“
„Dir vielleicht, aber ich habe Hunger, ich brauche was Richtiges in den Magen.“
Er setzte sich auf einen der Steinquader und wollte herzhaft in seine Bosna beißen, überlegte es sich dann aber anders, als er merkte, wie heiß sie noch war.
Seine Schwester stieg wieder aus der Schale und setzte sich neben ihn. Dann sah sie Tammy, die ganz in der Nähe saß und wie gebannt auf den Jungen – oder besser: auf seine Bosna – starrte.
„Da schau an, ich glaube da hat noch jemand gewaltigen Hunger, nicht nur du. Komm her zu mir, Hundchen! Lass dich streicheln.“
Tammy folgte der lockenden Stimme und ging schwanzwedelnd auf das Mädchen zu. Tina streichelte und kraulte sie, und dann klopfte sie sich auf ihre Schenkel: „Komm doch rauf auf meinen Schoß, dann muss ich mich nicht so zu dir runterbeugen!“
Tammy ließ sich das nicht zweimal sagen, und ein wenig spielte dabei auch der Hintergedanke mit, dass sie auf dem Schoß des Mädchens der verlockenden Wurst um einiges näher war als am Boden. Also sprang sie – schwups – mit einem Satz auf den Steinblock und stellte sich über Tinas Schenkel, das Gesicht der duftenden Bosna zugewandt.
„Komm leg dich her!“ forderte Tina sie auf und drückte sie dabei nieder auf ihren Schoß. „Ich kraule dich hinter den Ohren, das magst du ganz bestimmt.“
In der Tat, Tammy mochte das wirklich, allerdings hätte sie noch sehr viel lieber ein Stück dieser appetitlichen Wurst gehabt.
„Was ist eigentlich los mit diesem Kerl?!“ fragte sie sich ungeduldig. „Schön langsam müsste er doch merken, wie hungrig ich bin! Das gibt’s ja nicht! Dieser egoistische Vielfraß wird doch wohl nicht etwa alles ganz alleine aufessen wollen?“
Doch endlich schien der Junge sich ihrer zu erbarmen. Er hielt ihr die lange Semmel mit der bereits angebissenen Wurst einladend ganz nahe vor die Schnauze.
„Na, willst du auch mal beißen, kleiner Wauwau?“
„Na also!“ frohlockte Tammy. „Jetzt hat er’s endlich kapiert!“ Sie wollte gerade zubeißen, da zog er blitzschnell die Bosna wieder zurück und biss selbst hinein, während seine Augen schadenfroh blitzten.
„Lass den Unfug, Benny! Was soll das?“ ermahnte ihn Tina, doch er grinste nur und hielt Tammy die Wurst ein weiteres Mal unter die Nase.
Tammy war jetzt etwas unsicher, denn ihr war das alles ein wenig zu schnell gegangen: Diesmal beäugte sie die Wurst erst misstrauisch, doch als er sie ihr nach wie vor hinhielt, schnappte sie erneut danach. Doch auch diesmal zog er sie im letzten Moment zurück und biss selbst hinein.

Wütend und enttäuscht heulte Tammy auf, worauf Tina sie streichelte und zu beruhigen versuchte: „Lass dich nicht ärgern, mein Bruder kann manchmal ein richtiger Fiesling sein.“
„Meiner auch!“ bellte Tammy, war sich aber nicht sicher, ob Tina sie verstehen konnte.
„Jetzt reicht es aber wirklich, Benny!“ ermahnte Tina ihren Bruder erneut, als er das Spiel ein weiteres Mal versuchte. Wieder hielt er Tammy die Bosna verlockend nahe unter die Nase. Tammy aber dachte sich „Mit mir nicht mehr, du Blödmann!“ und drehte betont desinteressiert den Kopf zur Seite. Benny aber gab nicht auf und hielt ihr die Wurst erneut direkt unter die Nase. Dennoch drehte sie abermals ihren Kopf zur Seite, diesmal zur anderen, und schenkte der Versuchung demonstrativ keinerlei Beachtung, auch wenn ihr das ganz schön schwer fiel.
Und noch einmal versuchte der Junge, sie zum Zubeißen zu animieren, indem er ihr die Wurst verführerisch nahe und einladend hinstreckte.
„Gib es auf, Benny!“ redete Tina ihm zu. „Er hat dich durchschaut und fällt nicht mehr auf dein dummes Spiel herein.“
„Glaubst du wirklich!“ Gespannt beobachtete er Tammys Reaktionen auf sein Locken. „Aber er reagiert wirklich nicht mehr. Schade, schon Schluss. Mist!“
„Tja, so wie es aussieht, ist das Hundchen ein wenig schlauer als du. Was allerdings keine große Kunst ist, so beschränkt, wie du dich manchmal aufführst.“
„Ach was, ein bisschen Spaß wird ja wohl noch erlaubt sein. Ist ja nicht meine Schuld, wenn ihr keinen versteht.“
„Spaß, der auf Kosten anderer geht, ist kein echter Spaß. Stell dir die Sache einfach mal mit vertauschten Rollen vor, und dann überleg mal, ob du das noch immer lustig fändest.“
„Ach was, du bist einfach nur eine doofe Spielverderberin. Genau! Spielverderberin! Spielverderberin…. Heee! Meine Bosna!“
Tammy hatte bemerkt, dass der Junge durch das Gespräch mit seiner Schwester abgelenkt war und als sie spürte, dass seine Aufmerksamkeit nachließ, drehte sie blitzartig den Kopf und schnappte zielsicher nach der Bosna. Sie packte dabei so fest zu, dass sie ihm die Wurst mitsamt der Semmel aus der Hand riss. Dann schnellte sie hoch, entwand sich Tinas Händen und sprang auf den Boden, wo sie ihre Beute vor ihre Pfoten fallen ließ. Entschlossen schlug sie ihre Zähne in die schon angebissene Wurst, und verschlang das ganze Stück gierig auf einmal.
„Mama! Mama!“ heulte der Junge auf und brach in Tränen aus: „Der blöde Hund hat mir meine Bosna aus der Hand gerissen. Mama! Mamaaaaa! Wo steckst du denn?!“
„Bäh! Pfui Teufel, was ist denn das?“ Tammy musste würgen, konnte die Wurst aber gerade noch im Magen behalten. Ein feuriges Brennen reizte ihren Schlund und in der Nase fühlte sie ein scharfes Stechen, das ihr das Wasser in die Augen trieb.
„Ja sag mal, Tammy, was ist denn hier los?“
Senta war gerade zum richtigen Zeitpunkt gekommen, um den Höhepunkt von Tammys Husarenstück mitzuerleben.
„Ja, was ist denn hier los? Benny, was treibst du denn da?“
Auch die Menschenmutter hatte mittlerweile ihre Einkäufe beendet und war nun durch die Rufe ihres Sohnes in Alarm versetzt worden.
„Mama! Dieser Idiot hat mich geärgert! Er hat mir die Wurst vor die Nase gehalten und dann schnell weggezogen!“
„Das ist keine Entschuldigung, Tammy! Du weiß genau, dass du von Fremden kein Essen annehmen darfst! Außerdem ist diese Wurst viel zu scharf gewürzt, das ist für Hunde absolut nicht geeignet. Eigentlich hättest du das riechen müssen!“

„Mama! Der Hund! Meine Bosna! Mama! Der Hund! Meine Bosna!“
„Was ist mit deiner Bosna! Wieso liegt sie am Boden?“
„Er hat den Hund geärgert, Mama!“ Tina deutete auf Tammy. „Genauso wie er es bei mir auch immer macht. Erst so richtig verführerisch hinhalten und dann schnell wegziehen!“

„Aber Mama!“ heulte Tammy auf, „ich hatte Hunger!“
„Typisch Tammy!“ moserte Tommy. „Wann hat die mal keinen Hunger?“
„Tommy, halt bitte die Schnauze!“ knurrte Senta, „Du warst nicht gefragt!“

„Stimmt das, Benny? Hast du den Hund geärgert?“
„Es war doch nur Spaß, Mama!“
„Dir geb ich gleich einen Spaß, Benny! Mit Essen treibt man keine Scherze. Und mit fremden Hunden schon gar nicht. Wenn du da an den falschen kommst, dann beißt er dich, wenn du Pech hast!“
„Der nicht, Mama, das ist ein ganz lieber Kleiner.“
„Umso besser, Tina, aber das kann man vorher nie wissen.

„Wer hat dir eigentlich erlaubt, dich so einfach still und leise zu verdrücken, Tammy?“
„Aber ich hatte Durst, Mama!“
„Durst hattest du? Und Hunger? Tammy, Tammy, fang jetzt bloß nicht du auch noch an, wie dein Vater zu werden, der hat auch immer Hunger oder Durst, oder beides!“

„Und überhaupt, Benny, sooo schlimm kann es mit deinem Hunger ja nicht gewesen sein, sonst hättest du deine Bosna einfach gegessen, anstatt den Hund damit zu ärgern.
„Aber Mama, ich hatte wirklich Hunger! Aber die Bosna war noch so heiß…!“
„Faule Ausrede! Die nehme ich dir nicht ab, da musst du dir schon einen Dümmeren suchen!“

„Aber Mama! Was kann ich denn dafür, wenn ich Hunger und Durst habe? Außerdem wollte ich euch gleich holen und euch den Brunnen zeigen, wo auch Hunde ihren Durst löschen können!“
„So, so, ‚gleich holen‘, aber erst noch eine Bratwurst erschnorren und dann ganz alleine verdrücken! So habe ich mir eine fürsorgliche Schwester immer vorgestellt!“ Tommy konnte das Lästern nicht lassen.
„Tommy, halt einfach die Schnauze, ja?“ fuhr ihn seine Mutter an, „Das Durcheinander ist auch so schon groß genug! Und jetzt kommt, wir gehen. Wasser zum Trinken finden wir woanders auch. Aber jetzt nur schnell weg von hier, bevor ich mich wegen euch in Grund und Boden schämen muss!“
„Schämen? Wegen mir?“ begehrte Tommy auf, „Was habe ich denn gemacht?“
„Tommy, zum letzten Mal! Ich habe dir gesagt, du sollst deine Klappe halten! Also mach das gefälligst, ja?!“
Und als seine Schwester ihm dann auch noch mit spitzen Lippen ein neckisches „Miau“ zuraunte, verschlug es ihm endgültig die Sprache und er folgte den beiden ohne jeden weiteren Kommentar.

„So, und jetzt kommt ihr beiden! Vorher hebst du aber noch die Reste deiner Bosna auf und wirfst sie in den Abfallkorb dort hinten, Benny. Und dann gehen wir in die Eisdiele ums Eck und dort werden Tina und ich uns einen großen Früchtebecher genehmigen. Ob du auch einen bekommst, das muss ich mir noch schwer überlegen, Benny, denn verdient hast du es ja eigentlich nicht.“
Erneut flossen die Tränen: „Aber Mama, wieso bekomme ich keinen Eisbecher? Das ist ungerecht!“
„Jetzt tu erst mal was ich gesagt habe und wirf die schmutzigen Überreste deiner Bosna weg. Und dann sehen wir weiter. Kommt jetzt, ich habe überhaupt keine Lust, mich an einem so schönen Tag wegen solcher Lappalien herumzuärgern. Und wenn du versprichst, Benny, mit dem Essen keine Späße mehr zu machen und keine fremden Hunde mehr zu reizen, dann lasse ich vielleicht mit mir reden.“
„Ich verspreche es, Mama.“
„Na also, dann kommt. Puh, ich glaube, den Eisbecher habe ich mir heute redlich verdient.“

Kapitel 3                                                                                           Kapitel 5

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