11 In der Klemme

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So hatten die drei Hunde nun fast schon den gesamten Park durchquert, Senta forsch vorneweg drauflos marschierend, die Kinder schweigend und niedergeschlagen hinterdrein. Sie hatten die Grenze des Parkgebietes schon fast erreicht, die ersten Häuserreihen tauchten auf und in gar nicht allzu weiter Ferne war auch schon wieder Straßenlärm zu hören.
Jetzt hielt Tammy es nicht mehr länger aus: “Mama, jetzt sag doch mal, warum bist du eigentlich so böse auf uns?”
“Ihr wisst genau, warum ich böse auf euch bin, also tu bitte nicht so scheinheilig, meine liebe Tamina. Und halte mich gefälligst nicht für dümmer als ich bin. Ich weiß genau, warum du jetzt auf diese Tour daherkommst: Du willst nur Zeit gewinnen und an meine Gutmütigkeit appellieren, damit ich eurem Vater nichts von euren Untaten erzähle, wenn wir nach Hause kommen.”
“Aber welche Untaten denn, Mama?” mischte sich jetzt auch Tommy ein, “Im Grunde haben wir doch eigentlich gar nichts gemacht!”
“‘Nichts gemacht!’ Ha! Wenn ich das schon höre! Du sprichst ja schon wie dein Vater, der hat auch nie was gemacht. Obwohl, bei dem stimmt das meistens sogar.”
Tammy aber ließ nicht locker: “Ach bitte, Mama, könnten wir denn nicht noch eine ganz klitzekleine Pause machen, bevor wir heimgehen? Mir tun meine armen Füße schon ganz weh vom Laufen und da vorne hört doch schon das Gras auf und dann müssen wir wieder auf dem heißen Asphalt laufen!”
“Na ja, da hast du nicht ganz unrecht, mein Kind. Der Park ist hier gleich zu Ende und ich bin auch nicht gerade erpicht darauf, auf hartem und heißem Teer zu laufen, das kühle, weiche Gras ist mir schon auch lieber. Also gut. Seht Ihr da vorne die gepflasterte Fläche mit den Bänken und den Blumenrabatten dazwischen? Daneben in der Wiese werden wir uns noch etwas ausruhen, bevor wir endgültig nach Hause gehen. Eigentlich habt Ihr es nicht verdient, aber ich will mir nicht nachsagen lassen, eine grausame und herzlose Mutter zu sein.”
“Danke, Mama!” jubelten die beiden und drängten sich dankbar an sie.
“Schon gut!” knurrte sie gutmütig, “aber dass mir keiner von euch beiden noch das Geringste anstellt, dann verstehe ich nämlich wirklich keinen Spaß mehr.”

So legten sich alle drei aneinandergekuschelt ins weiche Gras und genossen die warmen Strahlen der allmählich niedersinkenden Sonne. Ein frisches Lüftchen wehte ihnen um die Nase und die Vögel in den Bäumen und Büschen sangen dazu aus voller Kehle. Kurz: Das Leben war schön, und die drei genossen den Moment aus vollen Zügen, bis… ja, bis sich das Verhängnis nahte. Und zwar näherte es sich in Form eines großen, grünen Grashüpfers, der ungeniert direkt vor Tammys Nase zu zirpen begann.
“Na so eine Frechheit!” dachte sie und schnappte nach ihm, um ihn zu verjagen. Doch so schnell ließ sich der grüne Hüpferling nicht vertreiben. Er machte einen Riesensatz, und zirpte dann munter weiter, unbeeindruckt von dem so viel größeren Hund direkt in seiner Nähe. Das aber wiederum ärgerte Tammy erst recht und so beschloss sie, ihn ein für allemal zu verjagen. Sie richtete sich zu ihrer vollen Größe auf, und knurrte den Störenfried böse an. Der aber musizierte unbeeindruckt weiter, indem er mit seinen gezahnten Hinterbeinen besonders provozierend über seine Flügel strich. Tammy kam es zumindest so vor. Sie bellte: “Hau ab, du störst!” und stürzte dann auf ihn zu. Mit einem weiteren gewaltigen Sprung brachte der Hüpfer sich in Sicherheit, Tammy wieder hinterdrein.
“Lass sofort den Grashüpfer in Ruhe!” rief ihre Mutter ihr hinterher. “Er hat dir nichts getan!”
“Doch!” rief Tammy, “er hat mich geärgert, deshalb muss ich ihm den Kragen umdrehen!”
“Hast du schon wieder vergessen, was ich gerade gesagt habe?” bellte Senta wütend. “Du gehorchst jetzt auf der Stelle und kommst hierher zurück!”
“Gleich, Mama, schau doch!”
Der kleine Hüpferling war inzwischen einige Meter weitergehopst und saß nun auf dem Henkel einer großen Gießkanne aus verzinktem Blech, die neben einer Blumenrabatte auf dem Pflaster stand. Sauber poliert und glänzend stand sie da, wie nagelneu, und die Strahlen der Sonne zauberten lustige Kringel auf ihre Oberfläche.
“Gleich habe ich ihn, Mama,” rief Tammy, die kühne Grashüpferjägerin, “auf dem Pflaster kann er sich nicht so gut verstecken wie im Gras.”
“Ich sag es jetzt zum letzten Mal: Du kommst sofort zurück! Sonst…”
“Aber Mama!” Tammy drehte sich zu Senta um. “Ich hab ihn doch gleich! Oder soll ich ihn etwa im letzten Moment entwischen lassen?”
Sie wandte sich wieder der Gießkanne zu und heulte enttäuscht auf: “Jetzt ist er weg! Und ich weiß nicht, wohin er verschwunden ist, weil ich mich gerade weggedreht hatte.”
Sie umkreiste die Gießkanne und beschnüffelte sie neugierig. “Vielleicht hat er sich in der Kanne versteckt? Dann sitzt er in der Falle und entkommt mir ganz bestimmt nicht mehr. Soll ich mal reinschauen?”
“Nein, Tammy, das lässt du gefälligst bleiben! Außerdem ist womöglich noch Wasser in der Gießkanne.”
Tammy erschrak: “Aber wenn noch Wasser in der Kanne ist, dann muss der arme kleine Hüpfer ja ertrinken!” Und dann, kurz entschlossen: “Ich muss ihn retten!”
“Ja bist du denn jetzt ganz übergeschnappt?” heulte Senta auf. “Wie willst du ihn denn retten?
“Keine Ahnung.” kam es zurück, “aber ich muss es wenigstens versuchen.”
Ihr Bruder verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf: “Weiberlaunen! Erst will sie ihm den Kragen umdrehen und jetzt plötzlich retten. Typisch!”
Seine Mutter sagte nichts, sondern bedachte ihn nur mit einem strafenden Blick. Und Tammy rief sie zu: “Na gut, dann schau halt rein, wenn dich das glücklich macht und wir dann endlich heimgehen können.”
Durch diese Aufforderung ermutigt, steckte Tammy zunächst ganz vorsichtig die Schnauze in die Öffnung der Kanne.: “Wasser ist anscheinend keines mehr drin, aber ich will lieber ganz sichergehen.” Und schon zwängte sie den Kopf durch die enge Öffnung, was gar nicht so einfach zu bewerkstelligen war. Tammy ächzte und stöhnte nur so, und es dauerte eine ganze Weile, bis sie es endlich geschafft hatte und ihr ganzer Kopf bis zum Halsband in der Kanne verschwunden war.
“Puh! Hür drün üst es vülleicht fünster! Und es rücht so müfüg! Aber Wasser scheint keines mehr drün zu sein, alles trocken.”
Dumpf dröhnend hallte Tammys Stimme aus der blechernen Kanne.
“Und was ist jetzt mit dem Grashüpfer!” fragte Senta, “Ist er nun drin oder nicht?”
“Keine Ahnung!” dröhnte es zurück, “Woher soll üch das denn wüssen, wo es doch so stockfünster üst?”
“Typisch meine Schwester!” lästerte Tommy wieder, “hat keinen Plan, muss aber überall ihre neugierige Nase hineinstecken!”
“Da redet ja genau der Richtige!” knurrte seine Mutter und Tommy beschloss daraufhin, das Thema nicht weiter zu vertiefen.

Die Leute auf den nahen Bänken drehten die Köpfe in Tammys Richtung, denn die dumpf hallenden Töne erweckten ihre Aufmerksamkeit. Nur eine ältere Frau, die auf der Bank gleich daneben im Sitzen vor sich hinschlummerte, schlief unbeirrbar weiter.
“Du, Tammy! Sei mal etwas leiser!” mahnte Senta. “Die Leute sind schon beunruhigt wegen dir und fragen sich, aus welcher Gruft deine Stimme wohl kommt.
Diese Mahnung war allerdings nur Wasser auf Tammys Mühlen, und anstatt leiser zu sein, drehte sie in ihrem Übermut erst recht auf: “Buhu! Üch bün das böse Nachtgespenst! Buhu! Buhu! Buhuuuu!”
Das böse Nachtgespenst, das in Wahrheit gar nicht so böse war, gehörte zu ihren liebsten Gute-Nacht-Geschichten, und ihre Mutter musste sie ihr immer und immer wieder erzählen, weil es sich dabei so schön gruseln ließ. Und wenn sie sich dann so richtig schön fürchtete und die Gänsehaut langsam ihren Rücken hochgekrochen kam, dann kuschelte sie sich ganz eng an ihre Mutter und ihren Bruder und fühlte sich sofort wieder warm und geborgen.
“Tammy! Es reicht jetzt wirklich! Du hast die Leute genug verunsichert, komm jetzt sofort wieder aus der Kanne raus! Außerdem schläft neben dir auf der Bank eine Frau, die musst du wirklich nicht auch noch aufwecken!”
Senta sagte das nicht ohne Grund, denn der Schlaf der schlummernden Frau war sichtlich unruhiger geworden und sie zuckte leicht, als plage sie ein sehr unruhiger Traum.
Nicht weit entfernt waren einige Spaziergänger stehengeblieben und schauten sich suchend nach der Herkunft der dumpf dröhnenden Grabesstimme um.
“Och, Mama, nü gönnst du mür auch nur den kleinsten Spaß!” kam es nun etwas leiser, aber dumpfer denn je aus der Gießkanne.
“Du hast für heute wahrlich genug Spaß gehabt, meine liebe Tochter. Und jetzt komm gefälligst zu mir, sonst ziehe ich dich eigenschnäuzig an deinen Hammelbeinen aus der Kanne!”
Tammy spürte, dass die Geduld ihrer Mutter allmählich wirklich erschöpft war und beschloss deshalb, ihr zu gehorchen. Ein letztes, schauerlich dumpfes “Buhuuuu”, dann zog sie ihren Kopf wieder aus der Öffnung der Kanne… das heißt… sie wollte den Kopf zurückziehen, aber… es ging nicht.
“Mama! Hülfe!” rief sie erschrocken, “Üch stecke fest! Üch komm nücht mehr raus! Bütte helft mür!”
“Glaub bloß nicht, dass ich auf diesen dummen Scherz hereinfalle, Tammy! Komm jetzt sofort raus! Mir reicht es jetzt!”
“Aber üch kann doch würklüch nücht! Üch stecke fest!”
Tammy versuchte mit aller Kraft, ihren Kopf herauszuziehen, aber es gelang ihr nicht. Verzweifelt bewegte sie ihren Hals hin und her, dass die Kanne nur so über das Pflaster schepperte. Dabei löste sich der Trichter und fiel mit lautem Klappern zu Boden. Schließlich stolperte sie in ihrem verzweifelten Bemühen über die eigenen Beine und kollerte zusammen mit der Kanne fast direkt vor die Füße der schlummernden Frau. Die wachte nun endgültig auf, sprang erschrocken von der Bank hoch und deutete kreidebleich auf die sich geheimnisvoll bewegende Gießkanne mit den vier Beinen vor ihr, aus der noch dazu unheimliche Töne drangen. “Ein Mo…Mo…Mo…Mo…Monster…” stammelte sie dann und sank nahezu besinnungslos wieder auf die Bank zurück. Sofort eilte ihr eine Frau zu Hilfe, die in der Nähe gestanden war und stützte sie, so dass sie nicht von der Bank kippte, während ihr Begleiter sein Handy herausholte und eine Nummer wählte.
Senta war inzwischen an die Seite ihrer Tochter geeilt und versuchte sie zu beruhigen. “Keine Panik, Tammy, keine Panik, es wird alles wieder gut. Wir schaffen das schon, wir holen dich da wieder raus. Jetzt beruhige dich erst mal, dann geht es auch gleich viel besser.”
“Aber Mama! Üch wüll hür raus! Sofort! Üch halt es nücht mehr aus!” jammerte Tammy.
“Immer mit der Ruhe, du kommst schon wieder heraus, das ist nur eine Frage der Zeit, schließlich bist du ja auch hineingekommen. Jetzt atme erst einmal ganz langsam durch, das beruhigt. Ein und aus, ein und aus, ein und aus…”
Tammy befolgte die Anweisung ihrer Mutter und atmete langsam und tief aus und ein, wie Senta es ihr vorexerzierte, und nach einiger Zeit fühlte sie sich tatsächlich ruhiger.
Doch da kam schon der nächste Schreck: Tatü tata, tatü tata!
“Was üst das, Mama? Was passürt da draußen!”
“Keine Sorge, Tammy, das ist nur der Notarztwagen. Der kommt vermutlich, um der Frau zu helfen, die bei deinem Anblick so erschrocken ist, dass sie sich jetzt ganz schwach fühlt. Aber du siehst ja auch wirklich zum Fürchten aus mit dem Kopf in der Kanne.”
“Mür üst jetzt nücht zum Scherzen zumute, Mama!” klang es dumpf und empört aus der Blechkanne.
“Schon gut, mein Kind, war nicht so gemeint. Und jetzt komm etwas auf die Seite, wir wollen den Sanitätern Platz machen, damit sie der Frau besser helfen können.”
Senta packte den Henkel der Kanne mit dem Maul und lotste so vorsichtig ihre Tochter, die sich willig führen ließ, einige Meter von der Bank weg.

Inzwischen war der Sanka von der Straße auf den gepflasterten Platz mit den Bänken eingebogen und musste dann halten, weil einige Blumenkästen aus Beton der Weiterfahrt im Wege standen. Drei weiß gekleidete Menschen – zwei Sanitäter und eine Notärztin – stiegen aus. Der Mann mit dem Handy sprach sie an und winkte sie zur Bank heran. Die Ärztin öffnete den Koffer, den sie dabei hatte und begann sofort, die leise stöhnende Frau zu untersuchen, die immer noch von der anderen Frau gestützt wurde.

Die Sirene des Notarztwagens hatte viele Neugierige angelockt, die nun der Ärztin bei ihrer Tätigkeit zusahen und auch über Tammy diskutierten, und was es wohl zu bedeuten habe, dass sie ihren Kopf in einer Gießkanne stecken hatte. Und von Minute zu Minute kamen weitere Schaulustige hinzu. Allmählich fing auch Senta an, unruhig zu werden, große Menschenmassen machten sie nämlich immer nervös, dennoch versuchte sie auch weiterhin, Tammy gut zuzureden und sie zu beruhigen.

Da ertönte plötzlich eine neue Sirene: Tatütatatatütata!

“Was üst denn jetzt schon wüder los?” klang es besorgt aus der Kanne.
“Keine Ahnung.” antwortete Senta, “ich kann wegen der vielen Menschen kaum noch etwas sehen.”
“Und was machen all die Menschen hier?” fragte jetzt Tommy, der die ganze Situation allmählich auch ziemlich bedenklich fand.
“Na was wohl? Sie sind halt neugierig und wollen wissen was hier vor sich geht. Menschen sind eben genauso neugierig wie Hunde, wenn nicht sogar noch mehr.”
“Neugieriger als Tammy? Das gibt’s ja wohl nicht.” lästerte Tommy.
“Üdüot!” kam die prompte Antwort aus der Kanne.
“Ruhe jetzt!” befahl ihre Mutter. “Ich sehe jetzt auch, was die Ursache für die zweite Sirene ist: Ein Polizeiwagen ist herangefahren und hält neben dem Sanka. Die beiden Polizisten steigen aus und kommen hierher in Richtung Bank..”
“Doch wohl nücht wegen mür?” fragte Tammy und Tommy wollte wissen: “Wird Tammy jetzt verhaftet?”
“Unsinn!” wehrte Senta ab. “Hunde werden nicht verhaftet, die kommen höchstens ins Tierheim.”
“Üch wüll aber nücht üns Türheim!” heulte Tammy auf.
“Sei jetzt bitte endlich still, die Polizisten wollen bestimmt nichts von dir.”
Die Polizeibeamten waren jetzt herangekommen und wurden von der Notärztin gleich mit einer Frage empfangen: “Nanu, was ist denn geschehen, dass die Polizei gleich mit Blaulicht ausrückt?”
“Das wollte ich gerade Sie fragen, Frau Doktor.” antwortete der Ältere der beiden. “Notarztwagen und eine Unmenge Schaulustige, das sieht ja schon fast nach einer kleinen Katastrophe aus.”
“Halb so wild”, winkte die Ärztin ab, “diese Frau hier hatte einen kleinen Schwächeanfall, nichts Ernstes. Etwas Ruhe und sie ist bald wieder in Ordnung. Anscheinend hat dieser kleine Hund sie erschreckt, der seinen Kopf in der Gießkanne stecken hat, jedenfalls ist der ihr direkt vor die Füße gefallen, bevor sie ohnmächtig wurde. Sagt zumindest die Frau, die ihr geholfen hat.”
“Ach, dann ist also ein Hund für das Aufsehen hier verantwortlich? So ein Zufall, wir sind auch wegen einer Hundegeschichte hier.”
“Ah ja? Worum handelt es sich denn?”
“Wir haben vor kurzem einen Anruf erhalten, dass ein kleines, wehrloses Hundchen von zwei großen, starken und brutal aussehenden Männern in der Nähe des Parkcafes durch die Gegend gejagt wurde. Einer der Männer soll sogar mit einem Stock oder ähnlichem bewaffnet gewesen sein. Es wurde auch die Vermutung geäußert, dass es sich dabei um Tierfänger handeln könnte. Und da sind wir natürlich sofort losgestartet, allerdings wurden wir dann noch zu einem Verkehrsunfall gerufen und mussten anschließend noch einen Streit in einer Kneipe schlichten. Deshalb sind wir nur mit einiger Verzögerung hier und das behagt uns beiden gar nicht. Bei Hundefängern mitten in der Stadt verstehen mein Kollege und ich nämlich keinen Spaß, wir haben schließlich beide selbst Hunde daheim. Deshalb habe ich auch das Martinshorn eingeschaltet, um die Halunken rechtzeitig in die Flucht zu schlagen. Ich weiß nämlich nicht, was ich mit denen mache, wenn ich sie in die Finger bekomme, vom Gesetz wäre es jedenfalls nicht abgedeckt.”
“Ich verstehe sie vollkommen, Herr Wachtmeister,” pflichtete ihm die Ärztin bei, “diese Hundefänger sind wirklich das Letzte. Einfach zahme und zutrauliche Hunde wegfangen und sie dann an Versuchslabore verkaufen, also nein, bei aller Liebe zur Wissenschaft, dafür habe ich nicht das geringste Verständnis. Ich habe ja selbst so einen Kleinen zu Hause. Einen Neufundländer, knapp drei Monate alt. Ist noch so ein kleines Knäuel Fell, hat aber schon sooolche Pranken…”
“Haha,” lachte der Wachtmeister, und auch sein Kollege stimmte ein. “Das kann ich mir vorstellen. Mit dem Kerl werden sie sicherlich noch einige Freude haben. Aber wenn ich Ihnen etwas raten darf: bringen Sie unbedingt ihre Schuhe und Pantoffeln vor ihm in Sicherheit, unserer hat sie gleich zu Dutzenden zerbissen.”
“Ich wird es mir merken…” meinte sie lächelnd, da erklang es schon wieder: Tatütatütata! Tatütatütata!”
“Nanu!” die Ärztin drehte sich in Richtung der Sirenenklänge. “Da kommt ja auch noch die Feuerwehr, die hat uns ja gerade noch gefehlt!”
“Vermutlich ein Fehlalarm.” meinte der ältere Polizist. “Von einem Feuer ist nämlich weit und breit nichts zu sehen.”
Und sein Kollege ergänzte: “Ein Verkehrsunfall kann es auch nicht sein, denn davon hätten wir auch schon etwas erfahren.”
“Vielleicht muss ja nur eine Katze vom Baum geholt werden”. grinste die Ärztin, “angesichts all der Hunde hier, wäre das gar nicht so verwunderlich.”
Inzwischen war das Feuerwehrauto auch in Richtung der Menschenmenge abgebogen, wählte aber eine andere Zufahrt, nachdem die erste bereits von Sanka und Polizeiauto blockiert war. Der Fahrer stellte das Fahrzeug in der Wiese neben den Bänken ab und dann sprang auch schon die ganze Mannschaft heraus. Zum Schluss kam der Kommandant, erkennbar an einer besonders schönen Uniform mit zahlreichen Ehrenzeichen, die golden und silbern glänzten. Auf dem Kopf trug er wie die übrige Mannschaft einen stattlichen Feuerwehrhelm, aber das Auffälligste an ihm war sein gewaltiger, buschiger Schnauzbart.. Als er auf die Ärztin und die beiden Polizisten zutrat, begann Senta leise zu knurren. Männer in Uniform konnte sie überhaupt nicht ausstehen, die Polizisten waren da schon schlimm genug, aber dieser Mann mit dem beängstigenden Helm auf dem Kopf war einfach zuviel.
“Hallo Ernst!” begrüßte ihn der ältere Polizeibeamte grinsend. “Na, wo brennt’s denn?”
Der Kommandant nahm den Helm vom Kopf, wischte sich den Schweiß von der Stirn und verzog dann sein Gesicht zu einer Grimasse, die mit einigem guten Willen für ein Lächeln gehalten werden konnte. “Karl, deine Scherze waren auch schon mal besser. Aber wenn du zum Witze machen aufgelegt bist, dann ist ja anscheinend gar nichts Ernstes passiert bei euch, trotz Sanka und Polizei?”
“Stimmt, wir können nur einen leichten Schwächeanfall bieten und einen Fall von hoffentlich nur versuchter Tierquälerei, möglicherweise auch Hundefängerei. Und was hat euch aus eurer Zentrale gelockt? Doch wohl nicht auch was mit Hunden?”
“Hunde? Nein, unsere Viecher sind schon um einiges exotischer.” Er setzte seinen Helm wieder auf, kramte dann nach seinem Notizblock. “Wir haben da nämlich einige Anrufe erhalten. Na, wo habe ich es mir denn notiert…” er begann zu blättern. “Aaaalso, da hätten wir zunächst einen Anruf mit dem Hinweis, dass jemand hier im Park bei den Bänken ein freilaufendes Zwergspitznashorn gesehen hat, könnte sich nach seiner Einschätzung allerdings auch um ein kleines Wollnashorn gehandelt haben. Auf jeden Fall hat es vorne ein riesiges Horn, steht hier. Dann kam noch ein Anruf, dass sich hier ein Säbelzahntiger mit einem extrem langen Zahn herumtreibt und dabei dumpfe bedrohliche Töne ausstößt. “
“Säbelzahntiger?” wunderte sich die Ärztin, “Die sind doch seit der letzten Eiszeit ausgestorben, genau wie die Wollnashörner.”
“Das ist noch gar nichts. Hier will jemand sogar einen Saurier gesehen haben, einen Tri…Tri…Triceratops, der ist schon seit etlichen Millionen Jahren weg vom Fenster. Es soll sich dabei um ein vergleichsweise winzig kleines Exemplar handeln, wie frisch aus dem Ei geschlüpft.”
“Vermutlich von der Hitze ausgebrütet.” warf die Notärztin grinsend ein, der Kommandant aber ließ sich in seiner Aufzählung nicht bremsen:
“Ein weiterer Anrufer will ebenfalls ein Jungtier gesehen haben, nämlich einen Babyelefanten mit aufgestelltem Rüssel, aber noch ohne Stoßzähne.” Er blätterte weiter. “Anbieten könnte ich auch noch ein Einhorn, aber da war der Betreffende sich selbst nicht so ganz sicher, ob er nicht halluziniert hat, wegen der Hitze… und so. Und dann haben wir hier zu guter Letzt auch noch den Anruf eines gewissen Herrn Semmelberger, der steif und fest behauptet, er habe von seinem Fenster aus hier im Park ein Raumschiff der Außerirdischen landen sehen. Zuerst habe er ein metallisches Glänzen wahrgenommen, dann einen lauten Aufprall gehört – also die Landung, wie er vermutet – und dann sei ein kleines pelziges Wesen ausgestiegen: vier Beine, langer, buschiger Schwanz, auf dem Kopf einen Helm aus Metall , dazu noch ein bedrohlich emporgestrecktes Schwert. Er meint, bei dem Schwert könnte es sich eventuell auch um eine Laserpistole oder einen Desintegrator handeln. Wir hätten es also höchstwahrscheinlich mit einem äußerst angriffslustigen und kampfbereiten Krieger zu tun und er rät uns deshalb zur besonderen Vorsicht.”
Er klappte sein Notizbuch wieder zu. “Insgesamt also alle nicht sehr glaubwürdig, diese Sichtungen. Dennoch dachte ich, angesichts der auffälligen Häufung der Anrufe und der genauen Eingrenzung des Ortes hier, wir schauen uns dieses seltsame Wesen doch mal an. Und da sowieso eine Übung ansteht, habe ich den Einsatz gleich offiziell als Übungseinsatz deklariert, für irgendetwas ist er also auf jeden Fall gut.
“Sehr geschickt gemacht, das muss dir der Neid lassen!” lobte der Polizist namens Karl. “Und jetzt, Ernst, komm doch mal mit, ich muss dir was zeigen.” Er ging ein paar Schritte, winkte den Kommandanten zu sich und wies dann auf Tammy, die ganz still und verschüchtert am Boden saß, den Kopf natürlich nach wie vor in der Kanne:
“Hier hast du dein Spitznashorn, deinen Säbelzahntiger, dein Einhorn, deinen außerirdischen Krieger, und was weiß ich noch alles in einem: ein kleiner Hund, der seinen Kopf in eine Gießkanne gesteckt hat und ihn offensichtlich nicht mehr herausziehen kann.”
“Oha!” Der Feuerwehrkommandant war ehrlich überrascht, das hätte er wirklich nicht erwartet. Er strich sich über seinen buschigen Schnauzbart und meinte dann verschmitzt: “In der Tat, die Beschreibungen liegen gar nicht so daneben. Das Gießkannenrohr ohne Trichter sieht tatsächlich wie ein langes Horn aus. Na, dann wollen wir mal sehen.” Er wollte sich Tammy nähern, doch Senta begann wieder zu knurren, diesmal lauter.
“Keine Angst, ich tue deinem Sprössling schon nichts, ich will ihm ja nur helfen.” Und zu Tammy gewandt: “Noch ein wenig Geduld, du armer Kleiner, wir holen dich da gleich raus. Das scheint mir in der Tat eine Aufgabe für die Feuerwehr zu sein.”

Er wandte sich an seine Mannschaft, die abwartend etwas im Hintergrund stand: “Erwin, Udo, schaut doch mal im Wagen nach, was wir an geeignetem Werkzeug dabei haben, um das kleine Hundchen aus seiner Zwangslage zu befreien. Und ihr anderen, holt doch bitte mal die Pfosten und die roten Bänder und baut eine Absperrung um die Bänke auf. Hier tummeln sich für meinen Geschmack eindeutig zu viele Menschen, da können wir nicht arbeiten. Und die Notärztin tut sich bei der Versorgung der ohnmächtigen Frau auch leichter, wenn mehr Platz ist.”
Dann bat er den Polizisten: “Und du, Karl, könntest du mir den Gefallen tun und die Leute hier wegscheuchen? Ihr als Polizisten habt da doch mehr Autorität als wir von der Feuerwehr.”
“Klar.” kam die Antwort. “Das machen wir doch gerne. Und zum Glück haben wir ja gerade nichts anderes zu tun. Bei diesem herrlichen Wetter gehen anscheinend selbst die Ganoven ins Schwimmbad, haha.”
Sofort begannen die beiden Polizisten damit, die Neugierigen, die in der Nähe der Bänke standen, wegzudrängen und die meisten machten auch bereitwillig Platz und gingen etwas auf Distanz. In der Zwischenzeit errichteten die Feuerwehrleute in Windeseile eine Absperrung und sorgten dann zusammen mit den Polizisten auch dafür, das niemand sie ohne Erlaubnis übertrat.
Auch die beiden Feuerwehrleute, die das Werkzeug bringen sollten, waren inzwischen wieder zurück.
“Ah, Erwin, Udo, da seid ihr ja wieder. Jetzt zeigt mal her, was ihr Schönes mitgebracht habt.” Der Kommandant begutachtete fachmännisch die diversen Gerätschaften. “Also da hätten wir zunächst mal eine Axt. Nein, das ist nichts, zu gefährlich. Dann einen Hammer. Nein, auch ungeeignet. Was ist denn noch da? Eine Kettensäge. Auch nichts, die Kanne ist aus Blech, da würden nur die Zähne stumpf werden. Ein Messer… nein, das ist höchstens was für den Notfall, wenn wir das Hundchen notschlachten müssen.”
Tammy heulte entrüstet auf.
“Immer mit der Ruhe. War doch nur ein Scherz! Aber das hier…” er zeigte auf die hydraulische Rettungsschere, “Das könnte schon eher passen. “Üblicherweise schneiden wir damit ja Verletzte aus Autowracks, in denen sie bei einem Unfall eingeklemmt wurden, aber der Fall bei dem kleinen Hund liegt ja ähnlich. Blech bleibt schließlich Blech, oder?” Die Umstehenden lachten.
Erwin hob die Schere und setzte den hydraulischen Mechanismus in Aktion. Dabei lachte er grob und meinte: “Ein wenig aufpassen müssen wir dabei aber schon. Da steckt nämlich ganz schön Power dahinter. Und seht ihr wie scharf die Schneiden sind? Eine einzige falsche Bewegung und wir schneiden ihm den Kopf ab.”

Genau in diesem Moment wachte die ohnmächtige Frau wieder auf. Voller Entsetzen sah sie, wie sich die scharfen, blitzenden, Schneidezangen direkt vor ihren Augen langsam schlossen und hörte dazu noch die letzten Worte des Feuerwehrmanns:
“… und wir schneiden ihm den Kopf ab.”
“Das ist zuviel!” stöhnte sie, und wurde erneut ohnmächtig.
Die Notärztin warf Erwin einen vorwurfsvollen Blick zu, sagte aber nichts, sondern signalisierte nur durch Zeichen, die Feuerwehrleute mögen doch ein wenig auf Distanz gehen. Dann bat sie die Sanitäter, die Trage aus dem Einsatzwagen zu holen, während sie sich wieder um die ohnmächtige Frau kümmerte, die ganz schlaff und in sich zusammengesunken auf der Bank saß.
“Kommandant! Der Herr Bürgermeister ist da!” rief ein Feuerwehrmann von der Absperrung. “Soll ich ihn durchlassen?”
“Dumme Frage, Blödmann! Was denn sonst?” Der Kommandant schüttelte den Kopf. “Zum Glück ist das nur eine Übung, im Ernstfall wäre ich mit diesen Spezialisten aufgeschmissen. Was glaubt dieser Kerl eigentlich, wer uns die Gelder für unsere Ausrüstung bewilligt? Unseren Herrn Bürgermeister müssen wir uns schon bei Laune halten.”
“Freut mich, dass Sie das so sehen, Herr Kommandant.” Der Bürgermeister hatte offensichtlich die letzten, nur gemurmelten Worte des Kommandanten mitbekommen. “Und jetzt erzählen Sie mal: was ist hier los? Notarztwagen, Polizei, Feuerwehr, ein gewaltiger Menschenauflauf… Doch hoffentlich nichts Ernstes? Im Rathaus kursieren bereits die absonderlichsten Gerüchte…”
Der Kommandant grinste: “Hat sich das mit der Landung der Außerirdischen also schon bis zu Ihnen durchgesprochen? Haha, nein, alles halb so wild. Völlig harmlos. Es handelt sich nur um einen…” er stockte, denn an der Absperrung gab es einen Aufruhr:
“Durchlassen! Lassen Sie mich auf der Stelle durch! Das gebietet die Pressefreiheit! Ich bin Reporter! Hier mein Ausweis! Lassen Sie mich durch! Sofort durchlassen!”
Der Bürgermeister verdrehte die Augen: “Auweia! Der Bamslinger vom Stadtkurier, dieser alte Schmierfink, der hat mir gerade noch gefehlt. Aber was hilft’ s? Mit dem werde ich auch noch fertig. “
Auf einen Wink des Kommandanten war der Reporter durchgelassen worden und stand nun vor den beiden, das Mikrophon seines Aufnahmegerätes fast wie drohend erhoben.
“Aha, der Herr Bürgermeister auch schon am Ort des Geschehens. Wollen Sie sich ein Bild des angerichteten Schadens machen?”
“Schaden? Welcher Schaden denn? Es ist doch überhaupt nichts passiert! Lassen Sie mich als erstes klipp und klar erklären, dass für die Bevölkerung zu keinem Zeitpunkt auch nur die geringste Gefahr bestanden hat. Ich wiederhole: Es bestand nie auch nur die geringste Gefahr für Leib und Leben der Bürger unserer Stadt!”
“Was ist denn eigentlich genau passiert?”
“Nun, äh, also, … unsere Einsatzkräfte sind gerade dabei, das Problem zu untersuchen…”
“Es gibt also ein Problem?”
“Ja…, nein…, das heißt… Seien Sie versichert, falls – und ich betone ausdrücklich: falls es ein Problem geben sollte, dann haben wir das in Nullkommanichts im Griff! Unsere Einsatzkräfte verfügen dank der Großzügigkeit und der Weitsicht der Stadtverwaltung über sämtliche dazu notwendigen Mittel und auch über das dazu erforderliche Fachwissen. Seien Sie vor allem versichert, dass für die Bevölkerung zu keinem Zeitpunkt auch nur die geringste Gefahr…”
Genau in diesem Moment schleppten die Sanitäter, nur wenige Schritte entfernt, die Trage mit der ohnmächtigen Frau in Richtung Rettungswagen. Dem wachsamen Auge des Reporters blieb dies natürlich nicht verborgen: “Was muss ich sehen? Es gab also bereits Opfer? Herr Bürgermeister, was verschweigen Sie der Bevölkerung?”
“Ich verschweige überhaupt nichts! Es gibt nichts zu verschweigen, weil ja überhaupt nichts passiert ist!”
“Woher dann die Verletzten?”
“Moment, bitte nicht gleich übertreiben. Bisher gab es ja nur einen einzigen Fall…”
“Und was hat es damit auf sich?”
“Nun, äh, also ich…äh…”
Da sprang der Feuerwehrkommandant erklärend in die Bresche: “Ein harmloser Schwächeanfall, nichts Tragisches. Im Grunde ist nichts passiert.”
“Nichts passiert? Notarztwagen, Polizei, Feuerwehr…, und dann soll nichts passiert sein?”
“Es ist in der Tat nichts passiert, und was uns betrifft, kann ich Ihnen versichern, dass es sich hier nur um eine Einsatzübung der Feuerwehr handelt. Außerdem sind wir gerade dabei, das Problem zu lösen.”
“Herr Kommandant, ich frage Sie jetzt gerade heraus: Worin genau besteht das Problem?”
“Das Problem besteht exakt darin, dass ein kleiner Hund seinen Kopf in eine Gießkanne gesteckt hat und nun nicht mehr herausbekommt.”
“Ah ja, äh…, wie bitte?”
“Hundekopf…in Gießkanne… feststeck.”
“Und das ist tatsächlich das ganze Problem? Wirklich nicht mehr?”
“Nicht dass ich wüsste.”
“Und was hält sie dann noch davon ab, dieses Problem zu lösen, wenn es tatsächlich so geringfügig ist?”
“Nun, momentan hält mich vor allem ein gewisser Journalist davon ab, der mir Löcher in den Bauch fragt, so dass ich nicht dazu komme, das arme Hundchen zu befreien.”
Der Reporter schaltete sein Aufnahmegerät aus: “Alles klar, ich habe verstanden. Machen Sie sich ruhig an die Arbeit, ich werde das Ganze beobachten, damit ich gegebenenfalls die Bevölkerung darüber informieren kann.”
“Also gut. Los geht’s!” Der Kommandant klatschte in die Hände: “Udo, Werner, Theo, kommt her zu mir, wir packen jetzt an!” Er wartete, bis seine Leute einsatzbereit vor ihm standen, und fuhr dann fort: “Also, ich habe mir folgendes überlegt. Mit dem Einsatz der Rettungsschere warten wir vorerst noch, das Risiko erscheint mir etwas zu hoch. Zuerst versuchen wir es mal auf die gute alte Art, händisch und mit Hauruck. Und zwar stelle ich mir das so vor: Einer von uns nimmt den Hund auf den Arm, und zwei andere packen die Gießkanne und versuchen dann, sie ihm sanft und mit Gefühl vom Kopf zu ziehen. Ich wiederhole: Sanft und mit Gefühl. Soweit verstanden?”
“Alles klar, Kommandant!” Seine Leute nickten bestätigend.
“Also gut, dann fangen wir gleich an. Ich nehme den Hund auf den Arm, Theo und Werner, Ihr packt die Gießkanne, und du, Udo, kümmerst dich bitte um den großen Hund, vermutlich die Mutter des Kleinen. Sie könnte ja eventuell befürchten, dass wir ihrem Sprössling was tun wollen.”
“Wieso ausgerechnet ich, Kommandant?” begehrte Udo auf. “Der Hund sieht nicht gerade so aus, als ob er mit sich spaßen ließe.”
“Feigling!” schnaubte der Kommandant. “Aber gut, Theo mach du das!”
“Würde ich ja gerne, Kommandant, es ist nur so, dass ich ganz schlimm auf Hundehaare allergisch bin, da fangen meine Augen immer so zu tränen an und ich seh’ dann nichts mehr.”
“Werner, was ist mit dir?”
“Im Prinzip jederzeit, allerdings haben wir drei Katzen zu Hause, und wenn er deren Geruch riecht, reagiert er womöglich unberechenbar.”
“Ja bin ich denn nur von Memmen umgeben?” brüllte der Kommandant erbost. “Rainer, machst du das?”
“Ja also, wir haben zwar selbst keine Katzen, aber… aber unsere Nachbarin hat gleich fünf Stück davon…”
“Elende Waschlappen!” Der Kommandant steigerte sich immer mehr in seine Wut hinein. “Das wollen erwachsene Männer sein und haben Angst vor einem ganz ordinären Haushund, nur weil er ein bisschen knurrt.”
“Seine Zähne sehen aber auch nicht aus wie von schlechten Eltern!” meinte Udo.
“Ach was, deshalb müsst Ihr euch doch nicht gleich ins Hemd machen. Was wollt Ihr eigentlich? Soll ich etwa noch eine Einsatztruppe beim Technischen Hilfswerk anfordern? Oder gleich das Militär?”
“Das nicht, aber jemand mit einem Betäubungsgewehr wäre bestimmt nicht schlecht.” kam es von Theo.
“Betäubungsgewehr? Ja sind wir denn hier auf einer Safari? Wisst ihr was? Ich mache es selbst und zeige euch jetzt, wie man mit so eine Sache anpackt. Alles was es braucht ist ein wenig Mumm, Konsequenz und vor allem darf der Hund nicht spüren, dass man Angst vor ihm hat. Passt mal auf!”
Der Kommandant ging langsam und vorsichtig auf die knurrende Senta zu und sprach beruhigend auf sie ein: “Ja, ja, ist ja gut. Brauchst keine Angst um deinen Sprössling zu haben, wir tun ihm schon nichts, wir wollen ihm ja nur helfen.” Dabei streckte er die rechte Hand aus und versuchte nach ihrem Halsband zu greifen. Das war ein Fehler. Die verschreckte Senta fühlte sich von dem Mann in der bedrohlichen Uniform angegriffen und schnappte zu. Der Kommandant schaffte es zwar gerade noch, seine Hand zurückzuziehen, doch Senta bekam ihn noch am Stoff seiner Uniform zu fassen und – ratsch! – hatte sie den gesamten rechten Ärmel im Maul.
“Verdammt!” fluchte der Kommandant, “Das war meine neue Uniform, die habe ich heute das erste Mal an. Das wird meiner Frau gar nicht gefallen.”
“Sei lieber froh, dass der Arm noch dran ist” rief Theo.
“Auch wieder wahr. Aber was machen wir jetzt?” überlegte der Kommandant laut.
“Entschuldigen Sie!” erklang es von außerhalb der Absperrung. “Ich könnte ihnen eventuell helfen, den Hund zu beruhigen, denn ich glaube ich kenne ihn.”
“Dann nur her mit Ihnen, momentan ist uns jede Hilfe willkommen!”
Wenig später stand der Rufer vor ihm, ein etwa vierzigjähriger Mann in legerer Freizeitkleidung mit Brille und kurzen, blonden Haaren: “Hallo, ich bin der Nachbar des Besitzers dieser Hunde. Die Mutter heißt Senta, die Kleine in der Gießkanne ist Tammy, und der Schlingel hier” er zeigte auf Tommy, der nichts Gutes ahnte, “das ist ihr Zwillingsbruder Tommy, der immer meine Hühner jagt, die ich in meinem Garten halte. Erst gestern hat er sie wieder quer über das ganze Grundstück gehetzt. Aber das ist wieder ein anderes Kapitel.” Er ging zu Senta: “Na, du kennst mich doch, oder?”
Senta erkannte ihn in der Tat und hörte auch gleich auf zu knurren. Sein vertrauter Geruch und die beruhigende Stimme, mit der er auf sie einredete, gaben ihr ausreichend Sicherheit und so ließ sie sich vertrauensvoll von ihm am Halsband packen und streicheln.
“So, ich habe sie, Herr Kommandant, Sie können weitermachen.”
“Sehr gut!” freute sich der Kommandant. “Also, Leute, auf geht’s. Alles wie abgemacht. Ich nehme die kleine Tammy auf den Arm und Theo und Werner, ihr beide packt die Kanne. Los jetzt, damit wir die Sache endlich hinter uns bringen!”
Gesagt, getan. Die beiden Feuerwehrleute packten die Kanne und wollten gerade beginnen, sie Tammy vorsichtig vom Kopf zu ziehen, da gab es eine neue Störung an der Absperrung.
“Herr Kommandant! Hier ist ein Team vom Fernsehen, das unseren Einsatz filmen will. Soll ich sie durchlassen?”
“Fernsehen?” stöhnte der Kommandant. “Das hat mir gerade noch gefehlt. Am liebsten würde ich sie wieder wegschicken.”
“Moment, Herr Kommandant!” schaltete sich da der Bürgermeister ein, der sich für eine Weile im Hintergrund gehalten hatte. Er nahm den Widerstrebenden zur Seite und flüsterte ihm leise zu: “Sie wissen doch, dass demnächst wieder Kommunalwahlen anstehen, bei denen es auch um mein Amt geht. Da kann ich jede erdenkliche Publicity hervorragend brauchen, solange sie halbwegs positiv ist. Und die Hilfe für einen kleinen süßen Hund ist absolut positiv, so was kommt an bei den Leuten, das rührt ihr Herz.”
“Aber Herr Bürgermeister!” wehrte der Kommandant ab und streckte ihm den rechten Arm entgegen: “Schauen Sie mich doch mal an mit meiner zerfetzten Uniform! Meinen Sie wirklich, dass ich so eine Reklame für die Stadt bin? Meine Frau macht mir die Hölle heiß, wenn sie mich so zerlumpt im Fernsehen sieht.”
“Gerade das macht Eindruck, Herr Kommandant, gerade das! Stellen Sie sich nur mal die Schlagzeile vor: ‘Todesmutiger Helfer um ein Haar von tobender Hundemutter zerfleischt! Feuerwehrkommandant rettet unter Einsatz seines Lebens hilflosen kleinen Hund’. Das macht Eindruck, das geht ans Herz…”
“Aber meine Frau…”
“Die sieht das bestimmt ähnlich wie ich. Und falls nicht: Opfer müssen gebracht werden, Herr Kommandant, von ihnen, von mir, von uns allen. Und seien Sie versichert, dass meine Wiederwahl der Feuerwehr garantiert nicht zum Nachteil gereichen wird. Erst vor wenigen Tagen sind ja wieder allerhand Anträge von Ihnen hinsichtlich neuer Brandschutzausrüstungen auf meinen Schreibtisch geflattert…”
“Alles klar, Herr Bürgermeister.” Und zum Feuerwehrmann an der Absperrung gewandt: “Lass sie rein, Max, sie sollen drehen was sie wollen, viel kann jetzt eh nicht mehr schief gehen. Theo, Werner, wir machen jetzt eine kleine Pause, bis das Fernsehteam drehbereit ist. Und dann wollen wir endlich die Sache hinter uns bringen, bevor die kleine Tammy in der Kanne noch verhungert und verdurstet.”

Schneller als erwartet war das Drehteam einsatzbereit. Nachdem der Kameramann sich und seine tragbare Kamera so in Positur gebracht hatte, dass er das Geschehen um Tammy gut im Bild hatte, gab er dem Kommandanten das verabredete Zeichen, mit der Befreiungsaktion zu beginnen.

“Kommt Tammy jetzt ins Fernsehen?” fragte Tommy leise seine Mutter, während beide gebannt das Geschehen beobachteten.
“Es sieht so aus, ich bin mir nur nicht sicher, ob ich mich darüber freuen soll. Und nun sei still, jetzt kommt gleich der entscheidende Moment.”

Doch gerade, als der Kommandant und seine Leute sich daran machen wollten, Tammy endgültig die Kanne vom Kopf zu ziehen, erklangen angstvolle Schreie dumpf und dröhnend aus ihrem Inneren.
“Setzt sie noch mal ab, Leute! Da stimmt was nicht!” befahl der Kommandant und dann lauschten alle den Tönen aus der Kanne:
“Hülfe, Mama, hür drün bewegt süch plötzlich etwas! Üch habe Angst!”
“Reg dich nicht auf, Tammy!” bellte Senta ihr zu. “Das ist bestimmt nur der Grashüpfer. Von dem droht dir keine Gefahr. Der ist völlig harmlos. Hörst du? Völlig harmlos.”
“Üüh! Und jetzt setzt er süch auf meine Nase! Das züpt und kützelt!” Sie bewegte den Kopf heftig hin und her um den Quälgeist abzuschütteln. Wieder rumpelte die Kanne laut über das Pflaster.
Doch dann hielt Tammy plötzlich inne und wie auf einen Schlag herrschte völlige Stille. Atemlosigkeit breitete sich unter den Zuschauern aus, nur noch das leise Surren der Kamera war zu hören. Und dann, erst ganz leise, dann immer lauter: “Ha…ha… ha… ha… TSCHÜÜÜÜÜÜ!!!!” Und dann gleich darauf noch ein zweites Mal: “HATSCHÜÜÜÜÜ!!!”
Und dann fiel die Kanne leer zu Boden und Tammy war wieder frei.
“Mama! Ich bin wieder draußen! Und meine Stimme hört sich auch wieder normal an! Hurra! Endlich wieder frische Luft!” Sofort lief sie zu ihrer Mutter und drängte sich an sie.
Senta wollte etwas sagen, doch es ging im Applaus der Zuschauer unter, die sich auch alle freuten, dass der kleine Hund wieder frei war und die Sache einen guten Abschluss gefunden hatte. Die erleichterte Hundemutter wollte sich mit ihren Kindern eigentlich sofort verziehen, doch der Herr Bürgermeister bestand auf einem Erinnerungsfoto, um das Gelingen der Aktion für die Öffentlichkeit und die Nachwelt zu dokumentieren.

Und so schoss Reporter Bamslinger ein Gruppenfoto, auf dem alle Beteiligten vertreten waren: Der Herr Bürgermeister in der Mitte, wie er mit der linken Hand die leere Kanne in die Höhe hielt, während er mit der rechten dem Feuerwehrkommandanten die Hand schüttelte, der seinerseits Tammy auf dem Arm hielt, daneben der Nachbar, der Senta immer noch am Halsband gepackt hatte, an seiner Seite die Notärztin, die Tommy an die Brust drückte, die beiden Polizisten, alle Feuerwehrleute rundherum und ganz vorne standen auch noch die Sanitäter mit der Trage, auf der die Frau lag, die den Schwächeanfall gehabt hatte. Ihr ging es mittlerweile schon wieder viel besser, sie hatte den Oberkörper aufgestützt und winkte freundlich lächelnd in die Kamera wie alle anderen Beteiligten.
Nur der große, grüne Grashüpfer legte überhaupt keinen Wert darauf, auf dem Photo zu erscheinen. Er schlüpfte aus der leeren Kanne, setzte sich wieder auf den Henkel, schüttelte verständnislos den Kopf ob des allgemeinen Durcheinanders, hüpfte kurz entschlossen auf den Boden, dann quer durch die vielen Füße der zahllosen Zuschauer und war nach einigen weiten Sprüngen endlich wieder in seiner Wiese, wo er vergnügt vor sich hin zirpte, erleichtert und froh, dass dieses kurze, aber sehr aufregende Kapitel in seinem Leben endlich vorbei war.

Kapitel 10                                                                                      Kapitel 12

 

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